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Coole Frauen: Alexandra Zykunov, Redaktionsleiterin Brigitte Be Green und 50/50-Modell-Vorbild

Foto: Maja Metz
Foto: Maja Metz

Es gibt Frauen, die ruft man an, wenn man emotionale Streicheleinheiten braucht. Sie sagen Dinge wie: „Hey, du bist okay. Alles ist gut. Du machst das toll.“ Und dann gibt es Frauen wie Alexandra Zykunov (34). Sie verteilen, nett ausgedrückt, Gedankenanstöße. Anders gesagt: Arschtritte. Sie machen kein Seelen-Ei-Ei, sondern reden ins Gewissen. Ich habe eine Stunde mit Alexandra gesprochen und – zack – auch mich hat sie erwischt. Als ich erzählt habe, dass mein Mann schon zwei, drei Wochenenden unterwegs war und ich seit der Geburt meines Sohnes zwar mal im Gästezimmer, aber nie ganz weg war über Nacht, hat sie mich direkt zur Rede gestellt. „Wieso nicht?“, fragte sie. „Mach das! Fahr weg! Schnapp dir eine Freundin, bezieh die mit ein, buch etwas. Dann hast du keine Ausrede, es nicht zu tun.“ Ich druckste ein bisschen herum. Sie hatte ja Recht.

So ist Alexandra. Sie steht für ihre Meinung ein und ist ehrlich, auch wenn es manchmal weh tut. Das schreibt sie sogar vor einige ihrer Posts. Weder bei Instagram noch in ihren Artikeln – Alexandra ist Redakteurin bei der Brigitte – wird etwas beschönigt, kein Happiness-Filter über alles gelegt. Sie schreibt darüber, wie scheißanstrengend es ist, wenn man als Mama und Papa von zwei Kindern Vollzeit arbeiten, gleichberechtigt erziehen und Karriere machen möchte. Sie ist desillusionierend, aber genau deshalb so tröstlich. Viele Posts haben bei mir und vielen anderen schon für den erleichternden „Zum Glück geht es nicht nur mir so“-Gedanken gesorgt. Das allein hätte eigentlich schon gereicht, um sie zu treffen. Doch inzwischen hat Alexandra zusammen mit Daniela Stohn auch noch ein neues Magazin auf die Beine gestellt: die Brigitte Be Green, ein Magazin für Ökologie und Nachhaltigkeit. Ich hatte also direkt zwei große Themen mit ihr zu besprechen: Gleichberechtigung und ein nachhaltiges Leben. Für die Weltrettung blieb am Ende ein bisschen zu wenig Zeit – trotzdem haben wir einige wichtige Aspekte besprochen. Auf geht’s!

Teil 1: Das 50/50-Modell

Foto: Maja Metz
Foto: Maja Metz

Alexandra und ihr Freund arbeiten beide Vollzeit. Mit zwei Kindern. Sie als Redakteurin, er als Lehrer. Bei beiden Kindern hat Alexandra jeweils ein Jahr Elternzeit genommen. „Beim ersten Kind dachte ich, dass man das eben so macht“, erzählt sie. „Beim zweiten Kind hätte ich lieber aufgeteilt, bin dann aber in die Finanz-Falle getappt. Mein Freund hat etwas mehr verdient, wir hatten gerade eine Immobilie gekauft. Da dachten wir, dass es sicherer sei, wenn er Vollzeit weiterarbeitet. Das war eigentlich Bullshit.“

Alexandra bereut zwar die Elternzeit nicht, gibt aber zu, dass sie nach acht, neun Monaten gern wieder in den Job zurückgegangen wäre. Und sie kritisiert, dass es bei vielen Paaren immernoch unumstößlich ist, dass sie Mutter die volle Elternzeit in Anspruch nimmt. „Wenn der Mann doppelt oder gar vielfach mehr verdient als die Frau, dann ist es schwer 50/50 durchzuboxen. Auch wenn Geld hier nicht regieren sollte, tut es das. Wenn aber das Gehaltsgefälle nicht immens groß ist, müsste doch eigentlich gerade der Mann sagen: Hey, ich reduziere jetzt, damit du endlich die Chance bekommst, mehr zu verdienen! Denn wenn die Frau, die sowieso schon etwas weniger hatte, nun noch weiter reduziert, wird sich dieses Verhältnis nie ändern.

Falls doch noch ein drittes Kind kommen sollte – was gerade nicht geplant sei – würden Alexandra und ihr Freund die Elternzeit definitiv aufteilen.

Der beste Deal aller Zeiten

Halbe-halbe. Alexandra und ihr Freund ziehen das durch. „Ich bin nicht Mutter geworden und habe beschlossen, dass wir eine gleichberechtigte Erziehung durchsetzen. Ich war die erste im Bekanntenkreis, die schwanger wurde und hatte keine Vorbilder“, erzählt Alexandra. „Die Aufteilung kam dann ganz natürlich. Weil ich auch müde war und nicht alles allein machen wollte. Inzwischen versuchen wir wirklich alles 50/50 aufzuteilen. Heute bringe ich die Kleine ins Bett, er den Großen. Morgen tauschen wir“, erzählt sie. Wenn ein Kind sagt, dass lieber Papa ins Bett bringen soll, sagt sie: „Aber Mama möchte dir heute sooo gerne Geschichte XY vorlesen!“ Und: Alexandra und ihr Mann haben einen Deal. Alle sechs bis acht Wochen schnappt sich einer von beiden die Kinder, fährt zu den Großeltern und der andere hat eine Auszeit. Diese Auszeit sei Gold wert, erzählt Alexandra immer wieder. „Und es gibt keine Ausreden. Selbst wenn die (Groß-)Eltern mehrere Stunden entfernt wohnen, alle drei Monate kann man diese Fahrt ja wohl machen.“ Klingt herrlich, finde ich.

Eigene Bedürfnisse – ohne schlechtes Gewissen

„Dieses Bedürfnis nach Zeit mit sich selbst sollte nicht so fies verlinkt sein“, findet Alexandra. „Sobald ich sage, dass ich Zeit für mich brauche und – oh Gott, ich bringe es kaum über die Lippen – keine Lust habe, Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, fühle ich mich genötigt, dazuzusagen: Aber ich liebe meine Kinder trotzdem! Das ist doch Quatsch. Natürlich liebe ich meine Kinder, allein schon, dass ich mich verpflichtet fühle, das zusätzlich zu erwähnen, zeigt doch schon auf welches übertriebene Podest wir Mutterschaft heute stellen. Ich möchte doch aber kein schlechtes Gewissen haben, weil ich auch Bedürfnisse habe.

Genau deshalb feiere ich Alexandra. Sie ist ehrlich. Sie beschönigt Mutterschaft nicht. Und sie gibt einem das Gefühl, kein schlechter Mensch zu sein, wenn man keine Lust auf Spielplätze oder Ins-Bett-Bringen hat. „Ich will den Druck rausnehmen, dass man alles toll finden muss. Ich glaube, es ist nötig, das mal zu sagen.“

Ist es biologisch möglich, gleichberechtigt zu sein?

Ich habe Alexandra auch gefragt, ob biologisch eine völlige Gleichberechtigung überhaupt möglich ist. Schwangerschaft, Geburt, Stillen – das können nur Frauen. „Klar, die Frau beschäftigt sich viel früher mit dem Kind im Bauch, weil sie es täglich spürt und sich mehr Gedanken macht. Und ja, auch das Stillen, wenn es klappt und man das möchte, bindet dich im Zweifelsfall Monate oder vielleicht Jahre ans Kind“, gibt sie zu. Dennoch glaubt sie nicht, dass Frauen deshalb alles besser können. Das wäre unfair, findet sie. „Mein Freund hatte die Kinder auch vom ersten Tag an bei sich in der Trage. Ich glaube, dem Kind ist es wurscht, wessen Herz beruhigend pocht. Hauptsache, es hat eine Bezugsperson, die sich liebevoll kümmert.“ Sobald ihr Freund zuhause war, war er bei den Kindern präsent. Und nach dem Abstillen wurde die Gleichberechtigung voll umgesetzt. „Ich weiß, wir sind sehr privilegiert, wir sind zu zweit, haben flexible, gutbezahlte Jobs, das ist nicht selbstverständlich. Aber Studien zeigen, dass gerade in gut situierten und eigentlich besonders modernen Beziehungen die tradierten Rollen unfassbar stark zurückkommen, sobald Kinder da sind. Warum? Ich wollte das so nicht. Obwohl ich die lange Elternzeit genommen habe, kam es bei uns nie vor, dass die Kinder Mama-fixiert waren, weil Papa auch sehr präsent war. Klar, das erfordert auch viele Absprachen im Job, man muss sich vieles erstreiten, aber anders geht es nicht. Wir müssen die Modelle einfordern, die wir leben wollen“, sagt sie.

Der neue Pfad der Gleichberechtigung

Das ist leider gar nicht so einfach. Alexandra schreibt auf Instagram immer wieder über den Abfuck der Absprachen, die Orga, die Streitereien, die Anstrengung. „Mein Freund hat in einer Debatte mal gesagt, dass er sich manchmal wünschte, es wäre wie früher. Mann geht arbeiten, Frau ist zuhause. Dann müssten wir nicht jedes Mal, wenn das Kind fiebert, diskutieren, welches Meeting, welcher Job und welche Besprechung jetzt wichtiger ist. Klar, es ist anstrengend. Aber ich glaube, es geht nicht anders. Es gibt einen gepflasterten Pfad, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Er ist bequem und man weiß, was einen erwartet. Als gleichberechtigtes Paar kämpft man sich durch die Büsche. Man versucht, einen neuen Weg zu pflastern. Natürlich schneidet man sich, stolpert, und ist genervt. Aber es macht Sinn, diesen neuen Pfad anzulegen und vorzuleben.“

Ein super Bild, genauso fühlt es sich an. Ich kenne das nur zu gut.

CUT.

Teil 2: Die Weltrettung

Bei einem Kaffee ist Alexandra und ihrer Kollegin die Idee zu einem Nachhaltigkeits-Magazin gekommen. Brainstorming, Pitch, Bäm. Fünf Monate später stand die Brigitte Be Green im Regal. „Es ist abgefahren, wenn aus einem Gedanken ein 164 Seiten langes Magazin mit himbeerfarbenem Cover wird“, strahlt Alexandra. Man spürt, wie sehr ihr Herz an diesem Projekt hängt.

Die Macht als Medienschaffende

„Auch mich hat die Klimaangst erfasst. Ich habe das Gefühl, dass wir auf einen Abgrund zusteuern. Ich habe den Schuss gehört. Und viele Menschen haben das Gefühl, trotzdem nichts tun zu können. Doch als Medienschaffende habe ich die Macht, etwas verändern zu können“, erzählt sie. „Ich kann Menschen aktivieren, sich mit dem Thema zu beschäftigen, Dinge zu hinterfragen, auf Demos zu gehen. Dieser Job gibt mir die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. So kann ich meine eigene Sorge viel besser kanalisieren und steuern. Das ist unglaublich befreiend.“

Ist Nachhaltigkeit nur ein Trend?

Ich habe Alexandra gefragt, was sie davon hält, dass Nachhaltigkeit gerade ein Trend wird. Was, wenn Insta-Sternchen nur Fair Fashion und Papp-Wattestäbchen kaufen, um online Likes zu sammeln? Nimmt der Trend dem ganzen Thema die Ernsthaftigkeit? „Wenn es ein Trend ist, finde ich das super. Mir ist es egal, wieso die Leute Fair Fashion kaufen – Hauptsache, sie tun es. Wenn wirklich weniger Fast Fashion gekauft werden würde, wäre das ein krasser Impact. Der CO2 Verbrauch von Fast Fashion ist größer als der globale Flug- und Seefahrtsverkehr zusammengerechnet!

Alexandra glaubt, dass jede Änderung im Konsumverhalten sinnvoll ist, sei sie noch so klein. „Man fängt immer klein an. Aber dann beginnt man, sein gesamtes Konsumverhalten zu hinterfragen. Und irgendwann merkt man: Egal, wie sehr ich mich einschränke – mein CO2-Abdruck ist immernoch dreimal so hoch, wie er sein dürfte. Dann fragt man sich, wer das ändern könnte. Die Antwort: die Wirtschaft und die Politik. Schließlich engagiert man sich politisch, geht auf Demos, der Druck wächst. Das ist das Ergebnis davon, wenn Nachhaltigkeit ein Trend wird. Ich weiß nicht, was passieren wird. Aber ich glaube nicht, dass nichts passiert. Man merkt ja jetzt schon, dass sich politisch etwas tut. Viel zu wenig, aber es bewegt sich etwas.

Der Konsument entscheidet? Nicht immer!

In der Be Green schreibt Luisa Neubauer, dass die klimafreundlichste Alternative immer auch die günstigste sein sollte. Das sehe ich genauso. Und Alexandra auch: „Wenn man in der Drogerie vor 200 Plastikflaschen mit Shampoo steht und die unverpackte Seife nicht findet, ist es normal, dass man dann eben eine Plastikflasche kauft“, sagt sie. „Man kann nicht alles auf die Konsumenten abwälzen. Wir haben doch alle Besseres zu tun, als für ein unverpacktes Shampoo-Stück quer durch die Stadt zu fahren. Das Angebot muss sich ändern. Wenn 20 coole, unverpackte Alternativen in jeder Drogerie stehen, hätten wir überhaupt kein Problem, glaube ich. Als Konsument sollte man ganz bequem die Wahl haben. Dafür sollte die Poltik mit Vorschriften sorgen.“

Das Privileg der Vorreiter

Hochwertiges Bio-Fleisch und faire Mode – das ist verdammt teuer. Das weiß auch Alexandra. „Wer am Ende des Monats jeden Cent umdrehen muss, kauft nicht Bio, klar“, sagt sie. „Das ist auch nicht schlimm. Aber die Leute, die Zeit haben, sich mit dem Thema zu beschäftigen, das Wissen und das Geld haben, etwas Neues vorzuleben, die sollten es tun. Das ist ein Privileg. Und wenn das passiert, wird sich etwas ändern. Davon bin ich überzeugt.“

 

Danke, Alexandra – für deinen Einsatz, fürs Aufrütteln, für deine ehrlichen Worte, für deinen Mut zur Offenheit. Mach weiter. Du änderst etwas.

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