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Darf ich mich eigentlich mies fühlen?

Immer noch Krise. Es stellt sich ein gewisser Verdruss ein. Ostern ohne Verwandtschaft, Geburtstag ohne Freunde, lange Tage ohne Spielplatz. Es fehlen Abwechslung, Nähe, Besuche, Umarmungen, soziale Bindungen, Kollegen, Urlaube, Sorglosigkeit. Es reicht so langsam mit Lock-Down, sagt das Bauchgefühl. Die Sehnsucht nach Normalität wird größer, die Schlechte-Laune-Tage häufen sich.

Anderen geht es viel schlechter

Sofort regen sich Stimmen: „Seid doch froh, dass ihr die Chance habt, im Homeoffice zu sitzen! Seid doch froh, dass ihr nicht vor dem finanziellen Ruin steht! Seid doch froh, dass ihr gesund seid! Und jetzt schaut mal nach Griechenland, bitte. So, und wer jetzt noch jammert, ist doch wirklich ein ignorantes Arschloch.“

 

Dann ist man erstmal still und schämt sich ein bisschen. Doch das kann nicht die Lösung sein. Bin ich wirklich ignorant, wenn ich trotz meiner Luxus-Isolation mies drauf bin? Wenn ich im Eigenheim depressiv werde? Ja, anderen geht es viel schlechter. Ja, die meisten, die diesen Text hier lesen, sind privilegiert. Sie haben ein Dach über dem Kopf, sind gesund und finanziell einigermaßen abgesichert. Heißt das, dass jede Beschwerde ein Akt des Egoismus‘ ist?

Alexandra Zykunov hat sich auf Instagram ebenfalls Gedanken über diese Frage gemacht:

„(…) Habe ich dann mein Recht auf andere Probleme verwirkt? Sind Probleme der Menschen, die durch die Krise ihre mentale Gesundheit verlieren, weniger wert? Bzw. wann genau ist es zu diesem Wettbewerb geworden? Können wir uns nicht allen gegenseitig einfach sagen ‚Wie kann ich dir helfen? Wen kann ich anrufen?‘ Oder einfach nur: ‚Ich seh dich‘? (…)“ Ihr Fazit: „Zu sagen, ‚Sei nicht traurig, anderen geht es noch schlechter‘, ist wie zu sagen ‚Sei nicht glücklich, anderen geht es noch besser.‘ Absurd? Eben.“

Alle Emotionen dürfen gefühlt werden

Sehr wahr. Und ich musste auch an den grandiosen Auftritt von Moritz Neumeier denken, in dem es um Sexismus geht. „Guck doch mal nach Saudi-Arabien“, sagen manche. Da sei die ganze Sexismus-Sache doch viel schlimmer. Neumeier dazu: „Das ist doch kein Argument! Das ist ja, als würde ich zum Arzt gehen und sagen: ‚Ich hab mir das Bein gebrochen.‘ Und der Arzt sagt: ‚Menschen haben Aids, Herr Neumeier.‘ Und das… stimmt. Aber das macht mein Bein ja nicht besser.“

 

Eben. „Unter jedem Dach ein Ach“, sagt Autorin Ildiko von Kürthy. Alle Emotionen haben ihre Berechtigung, jedes Gefühl darf gefühlt werden. In der Corona-Krise heulen die einen, weil sie plötzlich keine Aufträge und kein Einkommen mehr haben, und die anderen, weil die Bestellungen in ihrem Onlineshop explodieren und sie mit Kindern zuhause den Druck kaum aushalten und nicht hinterherkommen. Die einen sehnen sich zwischen drei Kindern nach fünf Minuten Ruhe, die anderen sitzen allein zu Hause und sind unendlich einsam. Unser Gehirn fühlt trotzdem. Es geht einem schlecht, auch wenn es anderen schlechter geht. Es geht einem ja auch oft gut, auch wenn es anderen besser geht.

Jeder jammert auf seinem Niveau

Natürlich sollten wir unsere Privilegien im Hinterkopf behalten. Diejenigen, die es können, sollten stets versuchen, anderen zu helfen. Finanziell, beim Einkauf, wobei auch immer. Jeder kann einen kleinen Beitrag leisten. Und ja, man sollte darauf achten, wem man sein Leid klagt und wie man öffentlich auftritt. Aber wenn einem zum Heulen ist, dann darf nicht nur, dann muss das raus. Da geht es nicht ums Vergleichen oder Abwägen. Da geht es ums Fühlen. Danach können wir weitermachen, dann geht es nämlich meist schon viel besser.

 

Wir dürfen uns annehmen, all unsere Gefühle durchkauen, durchleben, durchmachen. Wir dürfen an guten Tagen glücklich durch die Wohnung tanzen, laut lachen und die gute Laune zelebrieren, an anderen Tagen schlechte Laune haben, alles zum Kotzen finden, genervt, gelangweilt und frustriert sein, unsere Familien vermissen und ja, wir dürfen auch öffentlich darüber sprechen und uns gegenseitig helfen. Wieso denn auch nicht? Natürlich jammert jeder auf seinem Niveau. Anders geht es nicht. Es geht nicht um einen Wettbewerb, wem es schlechter geht. „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“, alte Fußballer-Weisheit von Andreas Brehme. Es wird nicht besser, wenn jemand anders noch mehr Scheiße am Fuß hat.

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