· 

Gleichberechtigung ist keine Einbahnstraße

„Ich bin Feminist*in.“ Es gibt immer noch viele Frauen und Männer, die vor diesem Satz zurückschrecken. „Wie, Feministin?“, heißt es dann. „So schlimm sind Männer nun auch wieder nicht.“

Genau dieses Vorurteil, dass Feminismus nichts anderes als Männerhass ist, macht es den Feminist*innen so schwer. Feminismus hat nämlich nichts mit Männerhass zu tun. Zumindest mein Verständnis von Feminismus nicht. Für mich ist dieser Begriff ein Synonym für Chancengleichheit und freie Entfaltung – für beide Geschlechter.

Woher kommt der Gedanke „Feminismus = Männerhass“?

Ich kann nachvollziehen, wieso diese Gleichsetzung in den Köpfen festsitzt. Denn: Feministinnen sind eben meistens Frauen. Da wir in einer patriarchisch geprägten Gesellschaft leben, in der Männer zumeist Unternehmen führen, Ministerien leiten, Familien finanziell "ernähren" und in der Frauen in vielerlei Hinsicht den Kürzeren gezogen haben. Frauen wurde lange eingeprägt, dass sie vor allem schön und lieb statt stark und schlau sein sollen. Natürlich waren es zuerst die Frauen, die sich offensichtlich benachteiligt fühlten und für ihr Recht laut wurden. Klar, dass „die Männer“ an den Pranger gestellt wurden – sie waren es doch, die die Frauen klein halten wollten.

Auch Männer hadern mit ihrem Rollenbild

Doch so langsam wird klar: Auch viele Männer sind mit dem Klischee-Bild des starken, emotionslosen, harten, gut situierten Familienoberhauptes unzufrieden. Ich kenne Männer, die handwerklich völlig unbegabt sind. Die bei ergreifenden Filmen weinen. Die Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen und deshalb beruflich zurückstecken. Die mit Sportwagen nichts anfangen können. Und die Bier hassen. Ich kenne auch Männer, die Fußball lieben. Die mit niedlichen Katzenvideos so gar nichts anfangen können. Die nie Bücher lesen. Und die im maßgeschneiderten Anzug täglich das Geld für ihre Familie verdienen. Egal wie Männer sind – sie alle sind männlich. Oft vereinen sie viele „männliche“ und „weibliche“ Eigenschaften. Und doch hadern auch sie mit ihren Rollen. „Ich heul jetzt nicht, ich bin doch kein Weichei“, murmelt der Mann dann leise, wenn seine Augen schwimmen. Oder er bleibt länger im Büro, um das Gesicht vor seinen Kollegen zu wahren, obwohl er lieber mit seiner Frau zum Yoga gehen würde. Das ist genauso blöd, wie die Frau, die sich in hohe Schuhe quetscht, obwohl sie darin immer Blasen bekommt oder zum Yoga geht, obwohl sie viel lieber boxen würde. Auch das ist meiner Ansicht nach Feminismus: Dass Männer die gleichen Rechte, Bedürfnisse und Emotionen wie Frauen haben. Und andersrum.

Hinterfragt eure Ideale!

Genau wie es für Männer völlig normal sein sollte, dass Frauen Geld verdienen, gleichberechtigt sind und als Gesprächs-/Geschäfts-/Lebenspartnerin auf Augenhöhe angesehen werden, sollte es für Frauen völlig normal sein, dass auch Männer Schwäche zeigen, nicht jedes Abendessen bezahlen und Yoga machen. Wer für Gleichberechtigung, Bodypositivity und Equal Pay kämpft und dann erwartet, dass der Freund die Getränke in der Bar bezahlt und Krafttraining fürs Sixpack macht, hat etwas falsch verstanden. Gleichberechtigung ist keine Einbahnstraße, es ist ein ständigen Geben und Nehmen. Es geht um Fairness. Fairness heißt auch: Wenn ich mehr verdiene, zahle ich auch mehr. Wenn du mehr verdienst, erwarte ich dasselbe Verhalten von dir. Es ist ein ständiges Aushandeln und Austarieren. Es ist anstrengend. Aber so ist das eben. Gleichberechtigung ist anstrengend. Aber das Ergebnis macht ziemlich viel Spaß.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0