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Wie Männer durch "Komplimente" Machtverhältnisse manifestieren

Eines vorab: In diesem Artikel spreche ich nicht über körperliche Gewalt, Anfassen und Beleidigungen. Es ist für mich überhaupt keine Frage, dass diese Handlungen, wenn sie gegen den Willen des/der Betroffenen geschehen, sexistisch und frauen- bzw. männerverachtend sind. Das ist ein Verbrechen. Es geht in diesem Text um etwas anders. Es geht um die Manifestierung von Machtverhältnissen. Diese Machtverhältnisse sind es dann allerdings auch, die dazu führen, dass sich Männer Frauen überlegen fühlen, sie eher als „Spielzeug“ betrachten und somit eben seelisch oder gar körperlich missbrauchen. Nicht missverstehen: Nur weil ein Mann in einer Machtposition ist (oder glaubt, in dieser zu sein), ist er nicht automatisch ein Verbrecher. Das ist immer noch ein großer Schritt. Doch Fakt ist nunmal, dass im Bereich Sexualstraftaten 93 Prozent der Verdächtigten Männer sind. Das kann kein Zufall sein.

Männer als Weltlenker

Es geht um Macht. Männer wollen zeigen, dass sie die Welt lenken, dass sie die Macht haben, dass sie stets die Oberhand behalten. Wer kompetenten Rat braucht, geht zu einem Mann. Wer quatschen, sich ausheulen oder einfach ein bisschen Klatsch und Tratsch will, geht zu einer Frau. Dieses Klischeedenken wird durch „clevere“ Taktiken aufrecht erhalten.

 

Das Thema kam mir in den Sinn durch zwei Posts bei Facebook.

 

1.: Berlins Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, Sawsan Chebli, löste am 14. Oktober auf ihrer offiziellen Facebook-Seite mit einem Post einige Diskussionen aus.

2. In einem Video von Docupy sprechen deutsche Politikerinnen darüber, inwiefern ihr Geschlecht in der Politik eine Rolle spielt.

„Deine Ohrringe wackeln so schön, wenn du dich aufregst!“

Ein wirklich klassischer Fall ist meiner Meinung nach die Aussage von Katja Kipping in dem Video. Sie argumentiert, ist voll in Fahrt, spielt ihre Kompetenz aus. Und dann bekommt sie zu hören: „Deine Ohrringe wackeln so schön, wenn du dich aufregst!“ Da kommt es mir echt hoch. Manch ein Mann kommentiert: „Jetzt darf man einer Frau nicht einmal mehr in Kompliment machen, oder was?“ Doch, lieber Männer, natürlich dürft ihr Komplimente machen. Selbstverständlich tragen wir Ohrringe, damit wir hübscher aussehen, natürlich fühlen wir uns selbstbewusst, wenn uns jemand sagt, dass wir toll aussehen. Jeder will gefallen, auch optisch. Es kommt bei Komplimenten auf den Kontext an. Hätte der Gegenüber von Frau Kipping mit ihr diskutiert, sie ernst genommen und dann später auf dem Weg zum Mittagessen ein Kompliment zu ihren Ohrringen gemacht (unabhängig davon, dass diese so schön wackeln, wenn sie sich aufregt), wäre es völlig in Ordnung gewesen.

Es geht einfach gar nicht, ein professionellen Gespräch komplett zu entwerten, indem man nicht auf den Inhalt, sondern das Äußere der Vortragenden eingeht. Das ist missachtend und hält die Frau klein. Diese Taktik ist tatsächlich „typisch männlich“, zumindest in gewissen Kreisen. Und es geht dabei nicht um Sex, sondern nur um Macht. Es geht darum, der Frau den Wind aus den Segeln zu nehmen, wenn sie so richtig Fahrt aufnimmt.

Ein schmaler Grat

Als ich mich 2012 als freie Journalistin selbstständig machte, nannte mein damaliger Partner mich „mein kleiner Schreiberling.“ Ein Schlag ins Gesicht. Er war festangestellt, hätte sich nie in die Selbstständigkeit getraut. Und trotzdem war ich es, die sich klein fühlte. Und ich hab lange nicht verstanden wieso ich mich so fühlte, er meinte das doch „nur liebevoll“.

Es ist tatsächlich ein schmaler Grat zwischen Machtspielchen und Mann-und-Frau-Geplänkel. Wenn man auf einer Party steht, quatscht und sich gegenseitig ein paar Sprüche hin und her spielt, ist das für mich absolut harmlos. Wenn allerdings mein Chef vor mir steht, ist es schon etwas anderes. Wenn ich eine Präsentation halten soll und mir ein Kollege sagt: „Wird schon gut gehen, deine Beine sehen in dem Rock auf jeden Fall toll aus“, ist das unangemessen. Wieso? Weil es nicht in den Kontext passt. Ich stehe da nicht als Model, sondern als Vortragende. Er ist nicht mein Modeberater, sondern mein Kollege. Äußern sollte er sich dementsprechend bitte auf professioneller Ebene zu meinen Inhalten.

Genauso ist es im ersten genannten Facebook-Post Sawsan Chebli ergangen. Sie kam in ihrer Rolle als Staatsekretärin, der Vorsitzende der Sitzung lenkte allerdings die Aufmerksamkeit sofort auf ihr (in diesem Kontext völlig nebensächliches) Äußeres und ihre Jugend. Das ist die Zurückdrängung in die Rolle als hübsches Beiwerk.

Die Chance ergreifen und es allen beweisen

Frauen haben nur eine Chance: Es allen zeigen. Man kann schön und kompetent sein. Man kann tolle Beine haben und gleichzeitig einen Vortrag halten, der alle umhaut. Und jedem Mann, der unangemessene Kommentare loslässt, kann man das direkt zurückspielen. Sawsan Chebli hat das mit einem kleinen Seitenhieb zu beginn ihres Vortrages getan – selbstbewusst, lässig, unaufgeregt. Gut so. Denn damit holt sie sich ihre Position sofort zurück, lässt sich nicht kleinmachen.

Es ist doch so: Männer haben über Jahrzehnte nur sehr, sehr selten junge, schöne, intelligente Frauen als Machtinhaberinnen und Führungskräfte gesehen. Es ist nicht (immer) ein Mangel an Gehirnzellen, der sie dazu treibt, Frauen zu unterschätzen, sondern schlichtweg die Gewohnheit. Ich glaube, dass junge Männer heutzutage schon ganz anders denken, da sie häufiger mit starken Frauen um sich herum aufgewachsen sind. Je weniger Frauen sich von den Sprüchen und Machtspielereien einiger Männer beeindrucken lassen, desto normaler wird es werden, dass Kompetenz und Schönheit Hand in Hand gehen können. Je häufiger Frauen in Führungspositionen sind, desto seltener werden sie unterschätzt. Und dann können sich die Männer vielleicht auch wieder auf Inhalte konzentrieren und Frauen im geschäftlichen sowie privaten Kontext auf Augenhöhe begegnen.

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