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Grapefruit zum Frühstück? Oh, bitte.

 

„Komm, wir machen mal das Fenster auf, das Radio laut

Lass frischen Wind herein und alle alten Zweifel heraus

Wenn du fest daran glaubst, dann wirst du glücklich

Und heute gibt es Grapefruit zum Frühstück“

Als ich diesen Ausschnitt aus dem Song „Grapefruit“ von Julia Engelmann gehört habe, wurde ich verdammt wütend. Ja, sie meint es nur gut. Und ja, auch die Ratschläge, doch einfach mal ein Bad zu nehmen, einen Spaziergang zu machen und vielleicht mit einer Meditations-App zu entspannen, sind gut gemeint. Aber manchmal geht das einfach nicht. Manchmal kotzt einen eben alles an, manchmal nervt das Leben, und dann hilft auch keine verdammte Grapefruit. Und die Feel-Good-App erscheint einem einfach nur lächerlich, wenn der Kopf vor Sorgen überquillt.

Ein Nachmittag vor dem Kamin – Wunsch versus Realität

Natürlich habe auch ich all diese Idealbilder im Kopf, die uns die Medien eintrichtern.

Ich stelle mir vor, wie ich mit einer dampfenden Tasse Kakao nach einem langen Winter-Spaziergang am knisternden Kamin sitze, mein Baby glücklich auf der Krabbeldecke spielt und mein Mann und ich uns verliebt anschauen. Die Realität sieht eher so aus: Der Spaziergang wurde nach 10 Minuten wegen Regens bei 8°C abgebrochen. Keine Milch mehr im Kühlschrank. Baby muss beruhigt werden, Eltern sind gestresst. Einer schuckelt das brüllende Kind, der andere räumt noch schnell die Spülmaschine aus und wieder ein und fährt dann Milch kaufen.

Manche Dinge lassen sich nicht schöndenken

Alles eine Frage der Einstellung? Wer fest daran glaubt, glücklich zu werden, der wird es auch? Das mag in manchen Lebenssituationen stimmen – manchmal ist das aber auch ganz großer Bullshit. Krankheiten lassen sich nicht weglächeln. Pflegebedürftige Angehörige machen keine gute Laune. Ein beschissener Job wird durch ein paar Stunden Sonnenschein am Wochenende nicht besser. Ist es nicht okay, mal wütend und genervt zu sein? Wieso sagen wir immer „Ach, es geht schon“, wenn es eigentlich nicht geht? Ich habe zum Beispiel gerade echt anstrengende Nächte. Mein Sohn wacht alle 1,5 Stunden auf. Mein Mann und ich entsprechend auch. Egal, wie fertig wir sind, wir müssen uns kümmern. Das ist verdammt nochmal anstrengend und Schlafmangel ist nach ein paar Wochen echte Folter. Da hilft kein „positiver Vibe“. Da hilft es auch nicht, zu wissen, dass all das dazugehört, dass der Kleine sich vielleicht gerade in einem Entwicklungssprung befindet und auch wieder bessere Zeiten kommen. Ja, wir lieben ihn trotzdem. Aber wir sind auch scheißmüde.

Prioritäten ändern sich

Ein anderes Beispiel: Ich hatte mir vorgenommen, mit einer 30-Tage-Yoga-Challenge ins Jahr zu starten und mich bewusster zu ernähren. Stattdessen habe ich Silvester und Neujahr im Kinderkrankenhaus verbracht. Dort wurde mir bewusst, wie schnell sich Prioritäten verschieben. Statt der täglichen Yoga-Einheit und gesundem Essen habe ich mich gefreut, wenn ich es alle zwei Tage unter die Dusche geschafft habe und vielleicht ausnahmsweise mal zwei Stunden am Stück schlafen konnte. Zerkochtes Gemüse mit Fertigsoße am Mittag, labberiges Graubrot am Abend, ist doch egal. Hauptsache, man kommt da irgendwann wieder raus und das Kind wird gesund.

Selfcare ist kein Instagram-Bild

Ich glaube, dass das, was Selfcare wirklich ausmacht, der Aufbau der inneren Stärke ist, diese beschissenen Zeiten irgendwie durchzustehen, ohne sich selbst zu verlieren. An die eigene Stärke zu glauben, ohne in tiefe Löcher zu fallen. Selfcare sind also nicht die Grapefruit zum Frühstück (sorry, Julia Engelmann, dass ich da so drauf rumreite), Avocado-Hipster-Brot oder instagrammable moments, sondern es ist die Reflexion der eigenen Bedürfnisse. Es geht darum, Möglichkeiten finden, die Psyche zusammenzuhalten und Hilfe anzunehmen, wenn es nicht mehr geht. Das kann eine Therapie sein, das kann ein Tagebuch sein, das kann ein langes Gespräch mit einem guten Freund sein. Manchmal hilft es schon, in den Arm genommen zu werden, sich ausheulen zu können und jemanden zu haben, der sagt, dass alles gut wird. Diese Unterstützung einzufordern und Schwäche zuzugeben ist aber viel schwieriger, als einfach alles in sich hineinzufressen und nach außen stark zu wirken, während man innerlich langsam zerbricht.

Mist, das Leben ist wohl wirklich kein Ponyhof

Selfcare (und Selflove) heißt eben nicht, dass man immer gut drauf ist. Es heißt nicht, alles wegzulächeln und sich selbst stets total knorke zu finden. Es ist doch völlig in Ordnung, einfach mal schlecht gelaunt zu sein, keine Lust auf Socializing zu haben, das Selbstbild neu finden zu müssen und sich zurückziehen zu wollen. Besonders hart wird es dann, wenn dieser Rückzug nicht möglich ist. Aber Leute, das ist das Leben.

Nicht umsonst wird bei Eheschließungen immer wieder darauf hingewiesen, dass man auch in schweren Zeiten zusammenhalten soll. In jeder Beziehung gibt es harte Zeiten, weil es in jedem Leben(slauf) harte Zeiten gibt. Eine Freundin von mir sagte neulich: „Natürlich werdet ihr euch irgendwann hassen. Ihr werdet genervt voneinander sein und euch satt haben. Ist bei uns auch so. Ist doch auch in der Beziehung mit sich selbst so. Aber dann kommen auch wieder bessere Zeiten. Was dachtest du denn, wie das läuft?“

Ja, was dachte ich denn?

Mehr zum Thema

In dem Podcast „Feuer und Brot“ ging es in einer sehr spannenden Folge um das Thema Selfcare und Selflove. Ich kann euch dieses Gespräch sehr ans Herz legen, da die beiden ganz viele Facetten dieser Themen beleuchten und anschneiden. Noch viel mehr als ich in diesem Text!

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