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Sexismus versus sexuelle Belästigung – bitte nicht verwechseln!

Alle sprechen drüber. Alle haben eine Meinung dazu. Sexismus ist ein Problem unserer Gesellschaft, soviel ist klar. Doch in fast jeder Diskussion werden zweierlei Begriffe vermischt, die sicherlich indirekt zusammenhängen, aber erst mal nichts miteinander zu tun haben: Sexismus und sexuelle Belästigung. Sobald das Thema Sexismus auf den Tisch kommt, kommt irgendein/e Vollidiot/in und behauptet, dass wir nun mal sexuelle Wesen seien, Sex zu unserem Alltag gehöre und es doch wirklich albern wäre, nun vor jeder sexuellen Handlung einen Vertrag schließen zu müssen. An dieser Stelle rege ich mich jedes Mal auf. Als Lehrerkind würde ich sagen: "Thema verfehlt." Denn das hat doch überhaupt nichts mit Sexismus zu tun!

Was ist denn nun Sexismus?

Wikipedia sagt: „Sexismus (abgeleitet von engl. sex ‚biologisches Geschlecht‘ und Nachsilbe -ismus) ist ein Oberbegriff für eine breite Palette von Einzelphänomenen unbewusster oder bewusster Diskriminierung auf der Basis des Geschlechts.“

Man kann sexistisch sein, ohne dabei auch nur an sexuelle Belästigungen zu denken. Ich nenne einfach mal ein paar fiktive Bespiele:

  • Mann sagt: „Frauen gehören an den Herd und haben im Büro nichts zu suchen.“
  • Frau sagt: „Alle Männer sind Schweine.“
  • Mann sagt: „Geh du mit den Kindern in die Küche Kuchen backen, als Frau kannst du das doch.“
  • Frau sagt: „Geh du mit den Kindern Fußball spielen, als Mann kannst du das doch.“
  • In Formularen wird nur vom „Kunden“ gesprochen, nicht von der „Kundin“. (Die tolle Marlies Krämer hat sich kürzlich dafür eingesetzt, dass sich das endlich ändert.)
  • Frau sagt über einen Mann: „Er ist total weinerlich und schwach. So ein richtiges Mädchen.“
  • Mann sagt zu seinem Sohn: „Echte Männer weinen nicht.“

Was ist sexuelle Belästigung?

Ich zitiere wieder Wikipedia: „Sexuelle Belästigung ist ein Straftatbestand und unter anderem ein Mittel zur Machtausübung, bei dem Machtgefälle bzw. Abhängigkeitsverhältnisse einseitig sexualisiert und damit aufrechterhalten werden.“

Hier geht es also um echte Straftaten. Begrabschen. Vergewaltigungen. Im Sport „Hilfestellungen“ geben, bei denen die Hände am Po oder zwischen den Beinen landen. Einen Blowjob als „Karrierechance“ verkaufen. Und, klar, im schlimmsten Fall Vergewaltigungen.

Wieso besteht Verwechslungsgefahr?

Dass man bei Sexismus an sexuelle Belästigungen denkt, hat verschiedene Gründe. 1.: Sexuelle Belästigungen können unter Umständen sexistisch sein. Wenn das andere Geschlecht als minderwertig angesehen und deshalb als Sexobjekt benutzt wird, zum Beispiel. 2.: In beiden Begriffen steckt das Wort „Sex“. Und damit verbinden wir nun mal sexuelle Handlungen. 3.: Es geht immer um Macht. Machtausübung und –manifestierung. Wenn ich immer nur vom Kunden und nie von der Kundin lese, hat das unbewusst den Einfluss auf mich, dass Männer präsenter und einflussreicher sind. Und wenn ich von meinem Vorgesetzten, der in dieser Position sowieso schon eine gewisse Macht über mich hat, begrabscht werde, dass festigt das ebenfalls die Position, dass ich mich vielleicht minderwertiger und er sich mächtiger fühlt. Insofern haben Sexismus und sexuelle Belästigung natürlich viel miteinander zu tun. Ohne Sexismus in der Gesellschaft – so meine steile These ­– gäbe es vermutlich auch weniger sexuelle Belästigung.

Sexismus gibt es in beide Richtungen

Dabei gibt es übrigens nicht nur Seximus von Männern gegenüber Frauen, auch andersrum. Auf ZEIT.de habe ich ein interessantes Interview mit dem Mediator Willibald Walter gelesen, in dem er beispielsweise Folgendes sagt: „Es gibt Studien, die zeigen, dass es auch Männer gibt, denen es unangenehm ist, wenn sie im Gespräch von Frauen berührt werden. Männer würden deswegen aber nicht sagen, dass sie belästigt wurden, weil im öffentlichen Bewusstsein sexuelle Belästigung nur umgekehrt stattfindet, also von Männern gegenüber Frauen. Übergriffiges Verhalten und Sexismus gibt es aber in der Arbeitswelt in beide Richtungen.“ Dieses Interview ist schon von 2013, aber ich glaube, dass das auch heute noch absolut richtig ist. Frauen sind momentan extrem sensibilisiert und schreien bei jedem Anflug von Sexismus oder gar sexueller Belästigung auf. Dabei geht es Männern doch oft ganz genau so, dass sie sofort in Rollenbilder gepresst werden, in die sie vielleicht gar nicht reinpassen. Was, wenn man als Mann weder Muskeln noch Führungsposition hat und sich eine lange Elternzeit nimmt? Da kann man sich auch einige Sprüche anhören. Die gelten aber eben als „Sprüche“, nicht als Alltags-Sexismus. Dabei ist das im Grunde doch nichts anderes. Und wenn man dem Kollegen das Bein tätschelt, ist es doch lustig – aber wehe, er tätschelt der Kollegin das Bein.

Ausblick: Wie geht es weiter mit dem Thema?

Walter behauptet in dem erwähnten Interview, dass er nicht glaube, dass mehr Frauen in Führungspositionen zu weniger Sexismus am Arbeitsplatz führen würden, da es viel mehr um Macht als um körperliche Überlegenheit gehe. Ich frage mich: Meint er damit, dass Frauen dann die sexistischeren Wesen wären? Und würden sich womöglich auch die Prozentzahlen umdrehen, sodass Männer häufiger Opfer von sexueller Belästigung wären?

Daran glaube ich nicht. Ich glaube und hoffe, dass durch die Geschichte der Emanzipation Frauen vielleicht mehr Feingefühl dafür entwickelt haben, wie Sexismus das Verhältnis zwischen Mann und Frau kaputt machen kann und es daher in Machtpositionen besser machen werden und Geschlechterrollen und -klischees schlichtweg ignorieren.

Und ich glaube leider auch nicht, dass Männer so schnell das Gefühl der Macht und Überlegenheit gegenüber Frauen verlieren. Denn dieses speist sich nicht nur durch berufliche Hierarchien, sondern durch über die Jahrzehnte gelernte Verhaltensweisen, Traditionen und Vorurteile sowie über körperliche Stärke. Das Selbstverständnis von Mann und Frau kann sich nicht plötzlich innerhalb einer Generation völlig ändern. Doch es ist vieles in Bewegung. Geschlechterrollen werden aufgebrochen. Das eigene Selbstbild wird von beiden Geschlechtern hinterfragt. Daran sollten wir alle weiterarbeiten. Damit unsere Töchter und Söhne (oder zumindest unsere Enkelkinder) zukünftig weniger dumme Sprüche, sexistische Äußerungen und sexuelle Belästigungen aushalten müssen.

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