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Victim Blaming: Hat jedes Opfer eine Mitschuld?

Stellen wir uns folgende Situation vor. Eine junge Frau, nennen wir sie Lisa, 18 Jahre, ist abends auf einer Party. Sie hat sich zurechtgemacht: kurzer Rock, rote Lippen, hohe Schuhe. Schließlich will sie nach Hause, fragt ihre Freundinnen, um nicht allein unterwegs zu sein. Doch alle, die in die gleiche Richtung möchten, wollen noch bleiben. „Egal“, denkt sie, „dann fahre ich schnell allein.“ Sie fährt U-Bahn. Dann muss sie noch 15 Minuten zu Fuß durch eine kaum beleuchtete Gegend, unter einer Autobahnbrücke hindurch. Taxi? Viel zu teuer. Ihre hohen Schuhe klacken laut auf dem Boden, ihr Rock rutscht beim Gehen noch ein bisschen höher. Bei Instagram hat sie vorher ein Spiegel-Selfie von ihrem Outfit gepostet, mit einem Hinweis darauf, in welchem Club sie den Abend verbringt.

Ist Lisa selbst schuld?

Im schlimmsten Fall passiert Lisa an diesem Abend etwas. Belästigung, Vergewaltigung. Vielleicht hat jemand schon bei Instagram ein Auge auf sie geworfen, vielleicht hat ein halbgetrunkener Mann auch spontan entschieden, der hübschen jungen Frau nachzulaufen, als sie die dunkle Straße entlanglief. Nun die Frage: Hat Lisa eine Mitschuld an dem, was passiert ist? Sie hätte sich vielleicht nicht so aufreizend anziehen sollen, sie hätte vielleicht nicht bei Instagram lasziv posieren sollen, sie hätte vielleicht nicht allein nach Hause fahren sollen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Und trotzdem: Lisa ist nicht schuldig.

Der Fahrrad-Dieb

Ich finde es wirklich schwierig, darüber zu diskutieren. Vor allem, wenn es um so heftige Sachen wie Vergewaltigungen geht. Nehmen wir mal ein harmloseres Beispiel: Ich fahre mit dem Rad zum Bäcker, lasse es kurz zwei Minuten unabgeschlossen vor der Tür stehen, kaufe ein Brötchen, komme wieder: Rad weg. Geklaut. Die Versicherung sagt natürlich: selbst schuld. Wer nicht abschließt, muss damit rechnen, dass jemand die Chance ergreift und das Rad mitnimmt. Es war fahrlässig von mir. Aber ey, ich bin doch nicht der Dieb! Ich habe rechtmäßig ein Fahrrad gekauft, es ist mein Eigentum und ich fände es schön, wenn andere das anerkennen. Ich habe kein Verbrechen begangen. Trotzdem bin ich schuld.

Ich würde gern in einer Gesellschaft leben, in der ich Haustür und Fahrrad unabgeschlossen lassen kann, in der jeder tragen, tun und lassen kann, was er will, in der das Recht eingehalten wird. Doch in so einer Gesellschaft leben wir nicht. Menschen ticken anders. Steuerhinterziehung, Gewalttaten, Diebstahl, all das passiert täglich und überall. Deshalb schließen wir Haustüren ab und installieren Alarmanlagen, deshalb haben wir dicke Fahrradschlösser und lassen unsere Kinder nicht im Dunkeln allein draußen spielen. Und deshalb rutscht uns auch schnell ein „selbst schuld“ raus oder wir haben selbst das Gefühl, schuldig zu sein, wenn uns etwas passiert, weil wir diese Regeln nicht beachtet und beispielsweise nicht abgeschlossen haben.

Schuld ist der Täter. Nicht das Opfer!

Man sollte sich immer wieder bewusst machen: Schuld ist immer der Täter. Wäre gerade kein Dieb am Fahrrad vorbeigekommen, der bewusst gegen das Gesetz verstößt, wäre das Rad auch nicht weg. Es verschwindet ja nicht wie von Zauberhand, weil man nicht abgeschlossen hat. Es verschwindet nur, wenn zufällig gerade ein anderer Mensch vorbeikommt, der bereit ist, ein Verbrechen zu begehen. Dieser Dieb ist der Täter. Da wir aber gerade in Großstädten wissen, dass ziemlich viele von diesen Tätern rumlaufen und dass das Sprichwort „Gelegenheit macht Diebe“ offenbar für viele Menschen gilt, sorgen wir lieber vor. Und Versicherungen sagen sogar: Wer nicht vorsorgt, zahlt den Preis.

Wie sieht das nun in anderen Lebensbereichen aus? Was ist mit Lisa, die Opfer einer sexuellen Belästigung wurde? Auch hier gilt als erstes: Sie ist das Opfer, nicht die Täterin.

Wie können wir vorsorgen?

Und dennoch weiß jede junge Frau, dass etwas passieren könnte. #aufschrei und #metoo haben gezeigt, wie unfassbar viele Menschen, vor allem Frauen, bereits Belästigungen erfahren haben. Das macht Angst. Und das macht bewusst, dass nicht nur viel zu viele „harmlose“ Fahrraddiebe durch die Welt laufen, sondern auch viele Menschen, die bereit sind, Menschen nicht ihr Rad, sondern ihre Würde zu klauen. Durch Belästigungen und Gewalttaten. Das ist eine noch heftigere Grenzüberschreitung und eine ziemlich beschissene Erkenntnis, dass so häufig etwas passiert.

Zu sagen, dass Lisa selbst schuld ist, ist dennoch falsch. Sie hatte einfach großes Pech, dass gerade dieses Mal ein Ar*** ihren Weg kreuzte. Da spielt auch der Zufall eine Rolle.

Dennoch: Wir wissen, dass in der Dunkelheit mehr passiert als am Tag, dass man lieber mindestens zu zweit als allein unterwegs sein sollte und dass laszive Internet-Fotos in falsche Hände geraten können. Genau wie wir unser Fahrrad abschließen, können wir auch diese Situationen meiden und umgehen, so oft es eben geht. Wir sollten es den kranken Köpfen nicht zu leicht machen. Denn eine gewisse Gefahr besteht, das wissen wir alle. Und durch gewisse Taten und Verhaltensweisen potenzieren wir die Gefahr gegebenenfalls. Doch nach wie vor gilt: Der Täter ist schuld, dass es tatsächlich zum Verbrechen kommt.

Jeder zieht seine Grenzen selbst

Dass man potenziell gefährliche Situationen nie ganz meiden kann, ist auch klar. Keine Frau sollte das Gefühl haben, dass sie im Kartoffelsack vor die Tür gehen muss, um nicht vergewaltigt zu werden. Zieht euch an, was ihr wollt. Aber muss das sexy Bikini-Foto wirklich auf Instagram landen? Und wenn man im Minirock durch die Gegend läuft, kann man sich nicht vielleicht doch ein Taxi von der Bahn nach Hause gönnen, wenn es dunkel und einsam ist? Jeder muss für sich entscheiden, wann etwas zu gefährlich wird. Ich denke nur, die traurige Erfahrung zeigt, dass wir uns vor gewissen Situationen schützen müssen. Wo man die Grenze zieht, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Manch einer geht wegen Terror-Gefahr nicht mehr auf große Festivals – auch das ist eine Vorsichtsmaßnahme, die ich beispielsweise für übertrieben halte. Sollte allerdings dann wirklich mal etwas passieren, tja, was dann? Sind dann alle Festival-Besucher selbst schuld? Eine geringe Terror-Gefahr besteht leider heutzutage auf Großveranstaltungen, jeder muss für sich entscheiden, ob er sich dieser Gefahr aussetzt. Ich finde: Die Gefahr ist so gering, dass ich nicht bereit bin, mich in dieser Hinsicht in meiner Freiheit einschränken zu lassen. Und wenn etwas passiert, dann hab ich einfach echt Pech gehabt. In anderen Lebensbereichen ist meine Angst größer. Ich vermeide es, im Dunkeln durch einsame Gassen zu gehen. Ich poste keine Bikini- oder Unterwäsche-Bilder im Internet. Und ich schließe mein Fahrrad ab. Natürlich kann mir trotzdem etwas passieren. Schlösser werden aufgebrochen und auch Frauen mit Jeans und Hoodie werden am hellichten Tag belästigt. Man kann die Wahrscheinlichkeit verringern – aber schuld sind trotz allem immer die Täter.

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