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Zwei Kinder, zwei Geburten

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich meine Geburtsberichte teilen möchte. Interessiert das überhaupt jemanden? Baue ich damit nicht unnötig Druck auf? Ist es nicht sowieso Schwachsinn, sich Geburtsberichte durchzulesen, weil jede Geburt so individuell ist? Aber ich habe mich trotzdem dafür entschieden. Weil ich es selbst so unglaublich finde, wie einzigartig jede Geburt abläuft. Und ich will Hoffnung machen, dass eine traumatische Geburt keineswegs bedeuten muss, dass es beim zweiten Kind wieder so laufen muss. Ich finde es spannend, wie die Geburt die ersten Wochen mit Baby beeinflussen und verändern kann. Ich glaube, dass ehrliche(!) Geburtsberichte dabei helfen können, sich locker zu machen und zu denken: Et kütt wie et kütt.

 

In meinem letzten Text habe ich mich übrigens schon kritisch mit der "Bewertung" von Geburten auseinandergesetzt.

 

Für werdende Mamas eine kleine Vorschau und Trigger-Warnung: Meine erste Geburt war für mich ziemlich schlimm und es gab Komplikationen, meine zweite Geburt war wie aus dem Bilderbuch. Lest nur das, was ihr gerade verkraften könnt.

Baby Nummer 1 – Trauma

„Sie werden bestimmt nicht übertragen“, sagte mir meine Frauenärztin ein paar Tage vor dem ET. Der Gebärmutterhals war verkürzt, der Muttermund butterweich. Also machte ich mich bereit. Es war der Sommer 2018, es war heiß, zeitweise 36 Grad, ich wollte diesen riesigen Bauch endlich loswerden. Doch nichts passierte. Jeden Abend ging ich ins Bett in der Hoffnung, dass es in dieser Nacht bestimmt losgeht – jeden Morgen wachte ich auf und… nichts. Ich tanzte im Sommergewitter, ich heulte den Blutmond an, ich aß und trank alles, was wehenanregend wirken sollte. Nichts. Nicht eine einzige Wehe, kein Blasensprung. Zehn Tage nach Termin hatte die Ärztin im Krankenhaus, in dem ich inzwischen meine Vorsorgeuntersuchungen hatte, die Schnauze voll und riet mir sehr nachdrücklich zur Einleitung. Irgendwann arbeite die Plazenta nicht mehr richtig, das Fruchtwasser sei auch etwas knapp, sagte sie. Also los.

Wehencocktail. Ekelhaft. Und wirkungslos. Nelkenöltampon. Bruststimulation. Einlauf. Alles wirkungslos. Also Tabletten, Cytotec. Nichts. Mehr Cytotec. Nichts. Noch mehr. Nichts. Dann eine Art Tampon mit einem „etwas stärkeren Mittel“, das direkt am Muttermund wirke.

Und dann ging es los. Erst krampfte es ein bisschen. Wir kamen in den Kreißsaal. Und dann überrollten mich die Wehen. Es war nicht so, wie ich immer gelesen hatte, mit Pausen, in denen man durchatmen konnte, es war so viel schlimmer. Ich stöhnte, schrie, ich konnte acht Stunden lang nicht essen, nicht trinken, nicht sprechen. Ich bekam Schmerzmittel, merkte davon kaum etwas, wollte aber durchhalten, hatte Angst vor einer PDA. Ich dachte zwischenzeitlich, dass ich sterbe, fühlte mich wie auf einem Schiff im Sturm auf hoher See, klammerte mich irgendwie noch fest, ging fast unter und betete, dass es irgendwann endlich vorbei ging. Alle Einleitungs-Methoden wirkten auf einmal, so mein Eindruck. Es waren die schlimmsten Schmerzen meines Lebens. „PDA“, brachte ich irgendwann raus. Angeblich tauschten die Hebamme und mein Mann einen Blick aus, sie schüttelte den Kopf. Zu spät. Sie redete mir gut zu. Der Muttermund war offen, 10 Zentimeter, es dauere nicht mehr lange. Die Wehen seien so heftig, dass man sie stoppen müsste, um die PDA zu legen, und dann künstlich wieder neue Wehen erzeugen müsste, am Wehentropf. Scheiße. Alles scheiße. Also heulte ich und hielt durch. Und ja, die Presswehen kamen, mein Kind kam, es dauerte aber alles so furchtbar lange. Und dann lag ich da, völlig erschlagen nach diesem Kampf. Kurz legte man mir meinen Sohn auf die Brust. Mir war das erschreckend egal. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich lächelte kurz, weil man das von mir erwartete. Doch dann ging es weiter, wurde hektisch. Ich blutete und blutete, es hörte nicht auf. 2,5 Liter flossen in etwa aus mir raus, erfuhr ich später. Auf dem Weg in den OP sagte ich benebelt zu irgendjemandem, der mich schob: „Guck mal, mein Bauch ist weg.“ Und dann bekam ich nichts mehr mit. Vollnarkose. Meine Gebärmutter hatte sich nicht zusammengezogen, atonische Blutung nennt sich diese Komplikation. Die OP verlief gut. Mir ging es nicht gut. Ich war blutleer, müde, hatte Durst und brauchte dringend, so dringend Ruhe. Mein Mann saß im Kreißsaal, eine Stunde lang, mit einem Baby auf dem Arm und ohne eine Information, ob seine Frau überhaupt wiederkommt.

Es war für uns beide traumatisch.

Ich kam wieder. Die ersten Tage konnte ich nicht aufstehen, darüber habe ich schon in meinem Wochenbett-Artikel geschrieben. Ich hatte Probleme, mich als Mutter neu zu definieren, das Kind wirklich von Herzen zu lieben. Alle erwarteten, dass ich glücklich sein müsste. Aber es dauerte Wochen, bis ich meinen Sohn kennen gelernt hatte und die Mutterliebe, von der alle sprachen und die alle von mir erwarteten, wirklich spüren konnte. Am Ende wurde alles gut, ja. Heute liebe ich meinen Sohn abgöttisch und kann keine „Nachwirkungen“ der Geburt mehr feststellen, wenn ich unsere Beziehung betrachte. Aber es war hart.

Baby Nummer 2 – Versöhnung

Auch meine Tochter verspätete sich. „4000 Gramm, da warten wir nicht länger als eine Woche“, sagte die Ärztin im Krankenhaus, als ich am zweiten Tag nach ET zur Vorsorge dort war. Die Uhr tickte also. Noch fünf Tage. Und auch dieses Krankenhaus wollte mit Cytotec-Tabletten einleiten. Mir ging es psychisch mies. „Ich kann nicht gebären“, dachte ich und googelte, ob es sein könne, dass ich einfach nicht fähig sei, Wehen zu bekommen. Bitte, bitte nicht wieder dieser Horrortrip. Nein, nein, nein, nein. Ich weinte jeden Abend, ich wartete, ich aß und trank wieder einmal alles, was wehenanregend sein sollte. Zimt, Ingwer, Kardamom, volles Programm. Mein Mann buk Zimtschnecken und massierte jeden Abend meinen Bauch, ich ging täglich baden. Am fünften Tag nach Termin trank ich vier oder fünf selbstgemachte Ingwer-Orangen-Shots. Gegen 20 Uhr fühlte ich mich unwohl. Kein Wunder, nach so viel Schärfe, mein Magen rebelliert, dachte ich. Ich ging früh ins Schlafzimmer, um 21 Uhr war ich oben, mein Bauch rumorte weiter. Könnte der Darm sein, könnten auch Wehen sein, dachte ich. Ich wusste nicht, wie sich normale Wehen anfühlten. Doch irgendwie wurden die Krämpfe gleichmäßiger. Sie fühlten sich anders an als ein verstimmter Magen-Darm-Trakt. Mein Mann ging duschen und kam in Schlafsachen ins Zimmer. „Ich glaube, du ziehst dich lieber wieder an“, sagte ich grinsend. Er zog sich an. Ja, das waren Wehen, inzwischen war ich mir recht sicher. Sie waren gut auszuhalten, aber kamen ziemlich schnell hintereinander. Ein nervöses: „Soll ich das Auto beladen?“, ein aufgeregtes: „Ja!“

Um Mitternacht waren wir in der Klinik. Die Wehen kamen im Abstand von 4 bis 6 Minuten. Das war ziemlich schnell. Aber ey, ich hatte Pausen. Echte Pausen, in denen ich keine Schmerzen hatte. Ich konnte sogar sprechen, essen, trinken, lachen. LACHEN! Das war so anders, als bei der ersten Geburt, bei der ich nur wenige Sekunden Luft holen konnte, bevor es weiterging.

Der Muttermund war erst bei zwei Zentimetern, aber wir durften im Kreißsaal bleiben. Die Hebamme spürte, dass ich die Wehen gut veratmen konnte und ließ uns viel allein. Das war schön, richtig schön. Mein Mann machte Musik an, wir tanzten in den Wehenpausen, er massierte mich. Es wurde zwar immer schmerzhafter, aber es war okay. Es war sogar richtig innig und schön, zumindest am Anfang. Die Nacht schritt fort. Die Schmerzen wurden heftiger. Es wurde anstrengend, vor allem, weil es nun drei oder vier Uhr war. Am Tag war ich noch Laufrad fahren mit meinem Großen, war einkaufen, das volle Programm. Ich war müde, so müde, wollte schlafen und mich ausruhen. Ich habe mich unter der Geburt viel bewegt, die Wehen im Stehen oder im Vierfüßlerstand veratmet, das rächte sich nun. Ich lag auf dem Bett. In den Wehenpausen döste ich kurz ein. Mein Körper und mein Baby gönnten mir teilweise bis zu sieben Minuten Ruhe. Unvorstellbar, wenn ich an die erste Geburt dachte.

Doch meine Fruchtblase platzte nicht. Um 5:45 Uhr bot mir die Hebamme an, die Fruchtblase zu öffnen. „Das ist der Turbo“, sagte sie. Ich war inzwischen benebelt von den Schmerzen, konnte nicht mehr, war unendlich erschöpft und müde, dachte zwischenzeitlich, dass ich das Bewusstsein verliere. Ich schüttelte matt den Kopf. Ich schaffte keinen Turbo.

Und dann, nur etwa 20 Minuten später, zündete mein Körper selbst den Turbo. Presswehen. Ich war mehr Tier als Mensch, nur noch Körper, nicht mehr Kopf. Ich war ganz weit weg und doch so nah bei mir selbst, wie sonst nie. Die Fruchtblase platze, der Kopf kam hinterher. Kurze Pause. Nächste Wehe und mein Baby war geboren. Ich war überwältigt von dieser Power, die mich durchfloss, von dieser Naturgewalt, von dieser Kraft, die ich plötzlich aufbringen konnte. Ich hab’s wirklich nicht so mit Esoterik, aber das war unglaublich. Und als dann meine kleine Tochter auf mir lag, heulte ich vor Glück und Liebe. Hormone durchflossen mich, ich hatte diesen wundervollen Adrenalinschub, der all die Müdigkeit und all die Schmerzen einfach wegfegte. Ich liebte meine Tochter sofort. Ja, es war verdammt anstrengend, aber es lief trotzdem wie im Bilderbuch. Genauso hatte ich mir die Geburt immer gewünscht. Eh voilà – keine depressiven Verstimmungen im Wochenbett. Mutterliebe von Tag 1 an. Klar, ein, zwei Heultage, und vor allem jetzt, im späten Wochenbett, habe ich meine inneren Kämpfe und bin immer wieder heillos überfordert mit zwei Kindern und der Pandemie. Aber es ist eben alles irgendwie „normal“ und nicht traumatisch. Diese Geburt war für mich eine bitter nötige Versöhnung.

Ich will gar kein Fazit ziehen oder meine Emotionen noch erklären. Denn ich weiß, dass es bei anderen ganz anders laufen kann. Dass nicht jede zweite Geburt versöhnlich läuft. Aber das ist eben die „Magie“ dahinter. Du weißt es nicht. Nie. Du kannst nicht kontrollieren, wie und wann du gebärst. Das fällt uns Kontrollfreaks nicht leicht. Mir auch nicht. Aber irgendwie ist es doch auch ziemlich cool, dass uns Babys schon von Anfang an zeigen, dass wir das mit dem Planen, Kontrollieren und Alles-im-Griff-haben sowieso vergessen können.

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Kommentare: 1
  • #1

    Irene (Mittwoch, 28 Juli 2021 12:09)

    Wunderschön geschrieben...so ehrlich und verständlich. Danke dafür.