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1. Kind, 1. Jahr. Ein Rückblick

Unfassbar. Dieser kleine Mensch ist nun schon fast ein Jahr bei uns. Vor knapp einem Jahr lag ich im Kreißsaal und ahnte noch nicht, was alles auf uns zukommt. Wir hatten versucht, es uns vorzustellen. Aber es ist viel mehr, als wir dachten. Mehr Liebe. Mehr Anstrengung. Mehr Müdigkeit. Mehr Zurückstecken. Mehr Streit. Mehr Lachen. Mehr Emotionen.

So viel Unsicherheit

Niemand wird als Mama oder Papa geboren. Ein Baby stellt seine Eltern jeden Tag vor neue Herausforderungen und Fragen. Hat er Hunger? Ist er müde? Ist das normal? Machen wir etwas falsch? Schreien andere Kinder auch so oft? Ist er bereit für Beikost? Gläschen oder Selbstgekochtes? Wie lange soll ich stillen? Wieso atmet er manchmal so komisch, bekommt er genug Luft? Darf er auf dem Bauch schlafen? Was hilft wirklich bei einem wunden Po? Trage ich ihn zu wenig? Wieso fragen mich ständig Leute, ob ich Babyschwimmen mache? Muss man das? Darf er tagsüber ausschließlich im Kinderwagen schlafen? Und woher soll ich verdammt nochmal wissen, ob er beim Pinkeln Schmerzen hat, lieber Kinderarzt?

Je länger ich Mama bin, desto weniger google ich. Desto weniger Rat hole ich mir und desto weniger vergleiche ich mich. Weil ich merke: Das passt schon. Ich glaub, wir machen das richtig gut. Jedes Kind ist anders – und perfekt, so wie es ist. Dieses Bauchgefühl, von dem alle reden, das kenne ich inzwischen auch.

So viel Wut und Frust

Gebrüll, Gebrüll, so viel Gebrüll. So viele Nächte mit so wenig Schlaf. Monatelanges Stillen und dieser Frust: Wieso muss immer ich ran?! Es kotzt mich an, ich kann nicht mehr, ich will endlich auch mal weiterschlafen und Wein trinken und feiern gehen.

Monate später dann: Er hatte doch schon viel besser geschlafen. Wieso wird er plötzlich wieder jede Stunde wach? So viel Rumtragen, Schuckeln, Spazieren gehen, Fieber wegstreicheln, Sorgen machen. So viele zähe Nachmittage, so viel Koffein, um durchzuhalten. So viele Diskussionen, so viel Streit, so viele Zickereien mit dem Partner, vor allem in der nächtlichen Zwischenwelt. Die Zündschnur wird kurz, wenn man nicht schläft und nichts schafft, weil dieser Mini-Mensch jede Minute Aufmerksamkeit braucht.

Er schläft auch mit einem Jahr noch nicht durch. Und er schmeißt gerade alles, was man ihm gibt, von seinem Hochstuhl. Kreischt. Will nicht. Essen, trinken, alles doof. Brei? Auf keinen Fall! Gebrüll, Gebrüll, Schmiererei, runterwerfen. 4x täglich wische ich den Boden. Und dann gehen einem auch mal die Nerven durch. Mamas kennen das. Ich glaube, es ist okay. Wir sind auch nur Menschen.

So viel Liebe

Ich habe kürzlich in einem Buch gelesen, dass man sich das erste Babyjahr wie eine Waage vorstellen soll. Wut und Frust auf der einen Seite – Liebe auf der anderen. Diese Liebe, die nur Eltern kennen, ist so verdammt groß und schwer, dass ein emotionales Gegengewicht her muss. Als ich das gelesen habe, schossen mir die Tränen in die Augen. All die negativen Gefühle haben einen Grund: Liebe. So merkwürdig das auch klingt. Ich würde mein Leben geben, um meinen Sohn zu beschützen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie überwältigend dieses Gefühl ist, ein Kind zu haben. Es hat ein paar Monate gedauert, bis es in meinem Kopf angekommen ist. Ich. Bin. Mutter. Für immer. Das ist mein Sohn. Mein Kind. Manchmal kann ich es noch immer nicht fassen, dass dieses Menschlein, das schon richtig essen kann, sich überall hochzieht, aufmerksam beobachtet, imitiert, winkt, lacht, albern und traurig ist, aus meinem Mann und mir entstanden und in meinem Bauch gewachsen ist.

So viel Glück

Manchmal zerspringt mein Herz fast vor Glück und Stolz. Wenn er seine kleinen, speckigen Ärmchen nach mir ausstreckt und mich mit großen Augen anguckt. Wenn er zurückwinkt. Wenn er lässig auf meiner Hüfte sitzt. Wenn er einen Ball in meine Richtung stößt und sich freut, dass es geklappt hat. Wenn er mich füttern will. Wenn er über das ganze Gesicht strahlt, wenn ich den Raum betrete und mich ganz bewusst umarmt. Manchmal liege ich abends neben seinem Bettchen, meine Hand durch die Gitterstäbe gesteckt. Ich höre, wie sein Atem ruhiger wird und sehe, wie seine Augen langsam zufallen. Die kleine Hand fest um meinen Zeigefinger geschlossen. Sein Rücken hebt und senkt sich gleichmäßig. Ich könnte mich nun rausschleichen, meinen „Feierabend“ genießen. Stattdessen bleibe ich noch ein bisschen, schaue mir meinen wundervollen Sohn an, der schon so groß geworden ist, so viel gelernt hat, und platze vor Stolz. Ein Jahr ist vergangen. Das krasseste, emotionalste, anstrengendste Jahr meines bisherigen Lebens. Es war jede Träne, jeden Streit und jeden Frust wert. Wir haben die Herausforderungen gemeistert, sind stärker geworden und zusammengewachsen. So fühlt es sich also an, eine Familie zu sein.

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