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Über den Druck gesellschaftlicher Ideale und späte Erkenntnisse

Es gibt Menschen, die schon immer anders getickt haben. In der Schule haben sie sich abgegrenzt, waren Punker, Gothics, Nerds oder Schulabbrecher, wehrten sich gegen die gängigen Ideale. Wenn erfolgreiche Unternehmer*innen oder Prominente aus ihrer Jugend erzählen, hört man immer wieder diese Geschichten. Und ja, dieses Unangepasste, das braucht man wahrscheinlich, um nach oben zu kommen. Scheiß drauf, was die anderen sagen. Ist doch egal, was die anderen denken. Schere dich nicht drum, was die Gesellschaft von dir erwartet. Das klingt so gut, so logisch, so einfach. Aber mal ehrlich: Wie vielen Menschen gelingt das wirklich?

Mein unbewusster Lebensplan

Ich gehörte nie zu diesen unangepassten Kindern oder Teenagern. Ich wollte reinpassen, gefallen, immer und überall. Lehrer mochten mich, ich hatte sehr gute Noten, ich habe auf meine Figur geachtet, ich hatte gute Freund*innen, war auf den wichtigen Partys dabei, habe getanzt, geknutscht, habe also all die Erfahrungen gesammelt, die man als Teenager so sammeln soll. Manchmal frage ich mich, ob ich unbewusst irgendeinem Lebensfahrplan gefolgt bin. So macht man das, das erlebt man mit 14, mit 16, mit 18. Die Gesellschaft vermittelt einem unterschwellig sehr deutlich, wie man zu sein hat. Und das lief immer ziemlich gut bei mir. Ich bin so durchgerutscht. Auch im Studium war irgendwie klar: Das sind die Vorgaben, das sind die Partys, das sind die angesagten Clubs, das muss ich erfüllen. Also mache ich das. Ich passte ziemlich gut rein, in diese Gesellschaft. Auch, weil ich mit diversen Privilegien durch die Welt gehe, klar.

 

Für mich gab es dann verschiedene Umbrüche und Situationen in meinem Leben, in denen ich gemerkt habe: Oh, huch, ich fahre vielleicht doch gar nicht immer so gut damit, das zu tun, was von mir erwartet wird. Und für mich ist es in den letzten Jahren zur Lebensaufgabe geworden, mir die Macht dieser Ideale bewusst zu machen und ganz klar zu entscheiden, was ich noch mitmachen will. Und wie ich es schaffe, dass es mir wirklich egal wird, was andere denken.

Mein Leben als Freelancer: Brauche ich wirklich mehr Struktur? Oder sehne ich mich danach, dazuzugehören?

Ja, ich habe auch festangestellt gearbeitet. Doch nach spätestens zwei Jahren wollte ich überall weg. Ich konnte mir nie erklären, wie Menschen 20 oder 30 Jahre im gleichen Unternehmen arbeiten konnten. Viel zu schnell fühlte ich mich in Strukturen eingesperrt, unfrei, gelangweilt. Obwohl ich tolle Jobs hatte. Stets suchte ich nach einem unspezifischen Mehr, nach neuen Projekten, nach Abwechslung. Ich baute schon mit 23 meine Freiberuflichkeit auf und nahm nebenher immer wieder eigene Projekte an. Seit 2017 bin ich zu 100% selbstständig. Teilweise kämpfe ich damit. Denn: Ich passe damit nicht in das gesellschaftliche Ideal. Ich kann mich nicht über Chef*innen austauschen, über Arbeitszeitstrukturen sinnieren oder in New Work Diskussionen mitreden. Ich arbeite nicht so. Aber ich spüre gleichzeitig, wie richtig das für mich ist. Wie glücklich ich mit meinem „anderen“ Lebensmodell bin, auch wenn es eine echte Herausforderung ist, gerade mit Kindern und als Doppel-Freelancer-Ehepaar. Aber alles andere, all die klassischen „Mann-Vollzeit-Frau-Teilzeit“- oder „Beide-Teilzeit“- oder „Beide-Vollzeit“-Modelle würden mir gegen den Strich gehen. Ich bin freiheitsliebender, als ich dachte. Das ist genau richtig so, wie es ist. Und immer wenn ich klage, dass ich mir mehr Struktur wünsche, gern mal eine Beförderungen erleben würde, einfach ins Büro fahren und mich mit Kollegen austauschen würde, sagt mir zum Glück jemand, dass sich feste Arbeitszeiten, ein Kontingent an Urlaubstagen und Meetings für mich immer schnell wie ein Korsett angefühlt haben. Stimmt, denke ich dann. Und brauche ich eigentlich wirklich diese Dinge? Oder ist es nicht viel mehr das Modell, das man aus der Gesellschaft kennt? Sehne ich mich eher danach, „reinzupassen“ und dazuzugehören? Ja, vermutlich. Denn wenn ich tief in mich hineinhöre, bin ich in meinem jetzigen Leben ziemlich glücklich.

Mein Leben als Mama: Noch nie war es so unmöglich, allen zu gefallen

Der nächste Bruch war ganz klar die Mutterschaft. Mit so einem Baby verändert sich sowieso alles. Schlaf, Rhythmus, Freiheiten, Prioritäten, Partnerschaft, Körper, Sexualität, ALLES. Für mich war keine Veränderung in meinem Leben so einschneidend wie die, Mutter zu werden. Geht nicht allen so – zumindest habe ich den Eindruck, dass einige meiner Freundinnen da ganz relaxed in diesen neuen Lebensabschnitt reinsliden.

Doch vielleicht fühlte es sich für mich wie ein Tornado an, weil ich so viel über mich gelernt habe. Ich habe mich begeistert zu einem Babykurs angemeldet, wollte auch in Mami-Gruppen sein, mich austauschen. Doch es ging dort wirklich nur um Babys, nicht um Persönliches, Privates und um uns Mamas. Ich sang leise das Begrüßungslied mit und fühlte mich furchtbar fehl am Platz. Als ich abstillen wollte, fand ich im Internet vor allem Stimmen, die mir erklärten, dass ich mein Kind definitiv bis zum ersten Geburtstag stillen muss, wenn ich eine gute Mutter sein wollte. Ich begann schon nach vier Monaten wieder ein paar Aufträge anzunehmen, weil ich ausbrechen musste aus diesem Mama-Ding. Keine Frage, ich liebe es, Mutter zu sein. Bald kommt unsere Nummer 2 und ich freu mich tierisch darauf, hier zwei kleine Nervensägen rumflitzen zu haben. Ja, diese einzigartige und unendliche Liebe für die eigenen Kinder ist unvergleichlich. Aber ich habe lange damit gehadert, dass man es als Mutter nie allen recht machen kann. Nicht mal sich selbst. Und nie war ich so verunsichert und zerrissen wie im ersten Babyjahr, welcher Weg der richtige sei.

Gerade auf Frauen lastet der Druck so vieler Ideale, von denen wir uns zwangsläufig freimachen müssen, um einen eigenen Weg zu finden. Die einen gucken einen schräg an, wenn man schnell wieder arbeitet, die anderen, wenn man eine Auszeit nehmen will. Die einen schreiben, wie wichtig Gleichberechtigung in jeder Hinsicht sei, prompt denke ich: „Shit, ist vielleicht nicht so cool, dass ich jeden Abend das Ins-Bett-Bringen übernehme.“ Die anderen schreiben darüber, wie wunderschön diese Zeit mit Kindern ist, wie schnell sie vorbeigeht und dass alte Menschen eigentlich immer bereuen, wenn sie zu wenig Zeit mit ihrer Familie verbracht haben. Prompt denke ich: „Shit, war vielleicht nicht so cool, den Zwerg schon mit einem Jahr in die Krippe zu geben.“

 

Inzwischen, nach über zwei Jahren, bin ich auf einem guten Weg dahin, meinen Frieden zu finden. So langsam merke ich, dass wir unseren eigenen Weg gehen dürfen und das Bauchgefühl von meinem Mann und mir das Allerwichtigste ist. So langsam löse ich mich auch hier von dem Ideal, reinpassen zu wollen. Denn, so traurig es auch ist: Noch nie war es für mich so unmöglich, zu gefallen. Irgendwer wird immer die Augen verdrehen oder denken: Würde ich anders machen. Inzwischen kann ich sagen: Ja, cool, dann mach es doch anders. Aber das hat nichts mit mir zu tun. Zugegeben: Ein Kloß im Hals bildet sich immer noch und das Adrenalin rauscht kurz durch meine Adern. Aber ich kann mich besser wieder runterfahren, Abstand gewinnen und es wirklich fühlen, dieses „Ich mach das trotzdem gut, auch wenn ich es anders mache“. Vielleicht geht das irgendwann komplett in Fleisch und Blut über. Ohne Adrenalinstoß.

 

Es ist übrigens auch eine Lebensaufgabe für mich, andersrum genauso zu handeln. Wenn mir bestimmte Arten der Lebensführung nicht passen, neige ich auch viel zu schnell zum (Ver-)Urteilen. Doch aus meinem eigenen Gefühl heraus, bewertet zu werden, weiß ich, wie bescheuert das ist und dass „Leben und leben lassen“ eine viel schönere Einstellung ist.

 

Man darf sich austauschen und Sätze wie „Also bei uns war das so, …“ oder „Ich denke, dass …“ sagen, finde ich. Man sollte nur nicht damit vermitteln, dass es bei anderen deshalb auch so sein muss. Die Erfahrung anderer als Erfahrung anderer zu sehen und nicht als Druck, es auch so machen zu müssen, ist wichtig, aber schwieriger als gedacht. Und wenn es mir so geht, geht es anderen wahrscheinlich auch so.

 

Gleichzeitigkeit der Emotionen: Mitgefühl und Verachtung, Freude und Schmerz

Neulich habe ich bei Instagram ein Posting von @_zachiii_ gelesen, das ich beeindruckend fand. Es ging um „Jana aus Kassel“, die sich auf der Bühne bei einer Querdenker-Demo mit Sophie Scholl verglichen hat. Ziemlich gedankenloser, dummer Move, muss man sagen.

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Ein Beitrag geteilt von ZACHI (@_zachiii_)

Kurz: @_zachiii_ verurteilt zwar die Aussage selbst, vermutet aber, dass Jana aus Kassel sich nicht in vollem Umfang darüber bewusst war, was sie da sagt und welche Auswirkungen das haben könnte. Und genau deshalb habe sie Mitleid.

 

Ich finde diese Aussage echt wichtig. Selbst wenn Jana aus Kassel sich eben doch darüber bewusst war, was sie da sagt, ja, selbst dann dürfen wir Mitleid haben. Weil dieses Mitleid bedeutet, dass wir empathische Menschen sind. Und mehr Empathie kann unserer Gesellschaft nur helfen.

 

Wir urteilen gerade mehr und häufiger denn je, was richtig und was falsch, was böse und was gut ist. Wer heutzutage öffentlich etwas „Falsches“ sagt, bekommt von Hasskommentaren bis zu Morddrohungen alles ab, was man abkriegen kann. Und ja, in dieser Hinsicht darf man Mitleid haben. Man darf ganz viel gleichzeitig fühlen: absolute Verachtung für ihre Worte, Unverständnis für diese Einstellung und dennoch Mitleid, dass die Flut an Hass gerade sicherlich emotional heftig für sie ist.

 

Sowieso sollte sich bewusst machen, dass dieses Gleichzeitig-Fühlen ein ständiger Begleiter ist. Wenn ich drei Tage ohne Mann und Kind bin, blutet mir mein Herz, wenn ich meinen Sohn verabschiede, ich vermisse schon nach wenigen Stunden sein Kreischen, sein Chaos, sein Lachen, seinen Geruch. Aber gleichzeitig freue ich mich so unglaublich, in meinem Rhythmus zu leben, Dinge zu erledigen, nur das zu tun, worauf ich Bock habe, in den Tag hineinleben zu dürfen und die Ruhe zu genießen. Ich bin gleichzeitig traurig und glücklich. Das geht.

 

Es ist okay, sich ständig zerrissen zu fühlen und ganz viele Emotionen zu haben. Wir dürfen das als Anlass nehmen, zu hinterfragen, was uns eigentlich zerreißt. Welche Ansprüche wir uns selbst stellen, welchen Idealen wir hinterherrennen, und wieso diese eigentlich so eine Macht haben. Welche wir behalten wollen, und welche wir einfach abstreifen.

 

Genau diese Fragen stellen sich auch andere Menschen. Auch wenn es nach außen hin oft so scheint – ich glaube, kaum jemand ist sich seiner Sache immer sicher. Und deshalb sollten wir empathisch sein, so gut es eben geht. Selbst wenn sich die Gut-oder-Böse-Frage im ersten Moment so klar beantworten lässt und ein Urteil schnell gefällt ist. Meistens steckt mehr dahinter.

 

Wir dürfen uns aussuchen, welchen Idealen wir entsprechen wollen

Ich war mein Leben lang echt nett. Ich bin auch immer noch echt nett. Aber ich lerne seit ein paar Jahren, dass es im Leben nicht immer nur der „Everybody’s Darling“-Weg sein muss, um zufrieden zu sein. Dass eine Gesellschaft als ganze nur funktioniert und weiterkommt, wenn wir auch mal anecken und laut werden. Die Sonderlinge in der Schule haben vielleicht einfach früher kapiert, wie es funktioniert, die Meinung anderer nicht so wichtig zu nehmen und für die eigene Meinung einzustehen.

 

Wir sind dem Druck vieler gesellschaftlicher Ideale ausgesetzt. Doch wir müssen nicht allen entsprechen, wir müssen nicht den ganzen Druck aushalten. Nicht jeder Hype ist mein Hype. (Aber gewisse Hypes, die mir gefallen, darf ich auch so richtig feiern und den entsprechenden Idealen hinterherrennen.) Eine Erkenntnis, die ich ziemlich spät im Leben hatte. Aber immerhin. Also, falls es euch auch so geht: Ideale hinterfragen rockt. Ich kann's nur empfehlen.

 

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