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Wenn nach der Geburt alles schrecklich ist. Postpartale Depression – ein Erfahrungsbericht

Glücksgefühle. Kuschelstunden. Zufriedenheit. Ein kleines Wunder. So stellt man sich die Zeit nach der Geburt vor. Die ganz große Liebe soll es sein. Das sagen doch immer alle.

Ich habe selbst schon oft kritisch über dieses Mutterbild geschrieben, hier beispielsweise. Nach der Geburt meines Sohnes war nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen – und das ist okay. Viele Mütter sind anfangs von der neuen Situation überfordert und stoßen an ihre psychischen Grenzen.

Genau deshalb hat mich Hannah Gören vor einigen Tagen kontaktiert. „Ich würde gern Aufklärungsarbeit im Bereich mentale Gesundheit nach der Geburt leisten“, schrieb sie mir. „Das Thema treibt mich aus eigener Erfahrung sehr um. Es ist ein Skandal, dass wir Frauen der Gesellschaft so wenig Wert sind, dass wir – kaum ist das Kind da – quasi vergessen werden. Dazu kommt die Glorifizierung der Mutterschaft, die es noch schwieriger macht, sich selbst und ggf. anderen einzugestehen, dass es einem nicht gut geht, man überfordert ist oder überwältigende Ängste hat, die über den Babyblues und die normalen Ängste des Elternseins hinausgehen.“

„Jaaaa!“, ging es mir die ganze Zeit durch den Kopf. Alles, was Hannah schrieb, fand ich richtig und wichtig. Deshalb haben wir gemeinsam beschlossen, Hannahs Geschichte hier zu veröffentlichen. Achtung: Der Artikel ist sehr, sehr lang. Nehmt euch etwas Zeit, macht euch einen Tee und lasst euch darauf ein. Es lohnt sich.

Endlich schwanger! Das ganz große Glück

„Als ich 2013 erfuhr, dass ich schwanger bin, hätte ich nicht glücklicher sein können. Es war ein absolutes Wunschkind. Wir hatten einige Zeit warten müssen und waren daher wirklich im siebten Himmel. Die Schwangerschaft verlief relativ normal und ich machte das, was viele Erst-Schwangere tun: Schwangerschaftsbücher lesen, einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen und viele Gedanken darauf verschwenden, welchen Kinderwagen, welches Bett, welche Wickelkommode hermusste. Mein gesamter Fokus lag auf der Geburt und auf dem Thema Stillen. Ich war besessen davon und wollte unbedingt, dass es mit dem Stillen klappt. Wie absurd! Ich hatte nur eine sehr verschwommene und extrem romantische Vorstellung von der Zeit ‚danach‘. Alle meine Fantasien entsprangen Bildern, die durch die Medien geistern. Da waren ausgeschlafene, gutaussehende, zutiefst glückliche Mütter, die kuschelige Zeiten mit ihren entzückenden Babys erlebten und jede Sekunde des Mutterseins genossen. Herzogin Kate lässt grüßen. Natürlich hörte man auch mal, dass nach der Geburt nicht alles toll ist. Dass sich die Partnerschaft verändern wird, dass man sich erstmal an das neue Leben gewöhnen muss. Doch all das ist krude Theorie. Niemand wird je konkret, stets wird relativiert. Dieses Thema ist nicht wirklich präsent.“

Die Realität nach der Geburt: pure, nackte Angst

„Nach einer unkomplizierten Spontangeburt wurden wir nach drei Tagen nach Hause entlassen. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an die ersten Wochen nach der Geburt. Aber an das Gefühl, das ich in dieser Zeit hatte, erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen. Angst. Pure, nackte Angst. „Panikmodus“ nannte es mein Mann immer. Ich konnte mein Kind nicht alleine lassen, hatte Panik, wenn ich mich weiter als zwei Meter von ihm entfernte. Die physische Nabelschnur war durchtrennt. Aber die Seele kam nicht hinterher. Ich war nicht bereit, mein Kind „getrennt“ von mir großzuziehen. Der Übergang von der Schwanger- zu Mutterschaft gelang mir nicht. Ich schaffte es nicht. Und ich merkte, dass mit mir etwas nicht stimmte. Ich war panisch, sobald jemand anderes mein Kind halten wollte. Sogar, wenn es mein Mann war. Ich war immer in Alarmbereitschaft, immer am Anschlag. Ich sehnte mich so danach, dass mir jemand mal das Kind abnahm, ich wollte dringend schlafen und abschalten. Doch gleichzeitig hätte ich mein Kind niemals jemanden geben können. Ich beneidete andere voller Unverständnis, die mir erzählten, dass die Oma zwei Stunden mit dem Baby spazieren war. Für mich unvorstellbar. Gleichzeitig wollte ich es so sehr.“

"Ich suchte Hilfe – und fühlte mich noch schlechter"

„Drei Monate nach der Geburt bin ich das erste Mal zu einer Beratungsstelle gegangen. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte, wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass ich eine postpartale Depression haben könnte. Von einer postpartalen Angst(störung) hatte ich noch nie gehört, sodass dieses Thema für mich noch weiter entfernt war. Ich kannte postpartale Depressionen nur in der Form, dass die Mutter ihr Kind ablehnt und nicht in der Lage ist, es zu versorgen. Beides war bei mir nicht der Fall. Im Gegenteil. Ich war so tief mit meinem Kind verbunden, dass jeglicher Gedanke an eine Depression völlig abwegig erschien. Dennoch brauchte ich Hilfe. Ich nahm meinen Sohn zur ersten Therapiestunde mit und legte ihn auf eine Krabbeldecke. Nach ca. fünf Minuten fing er an zu weinen. Ich nahm ihn auf den Arm. Die Reaktion der Psychologin: ‚Sie können es ja nicht einmal für kurze Zeit aushalten, dass ihr Kind weint!‘ Ja, ich wollte loslassen können, deshalb war ich ja da. Doch alles, was ich bekam, war eine vorwurfsvolle Haltung der Psychologin mir gegenüber. Als ob ich mich willentlich so fühlen und verhalten würde. Nach dem Termin fühlte ich mich noch schlechter, noch unzulänglicher und war mir sicher: Ich war einfach eine schlechte Mutter, die es nicht gebacken bekam. Ich litt also weiter vor mich hin.“

Die Ehe begann zu leiden

„Nach einer Weile fing ich an, die negativen Gefühle auf meine Ehe zu projizieren. Schnell kamen mein Mann und ich an den Punkt, an dem wir nur noch stritten oder uns im besten Fall einfach anschwiegen. Es war schrecklich. Ich fühlte mich so isoliert, einsam, unverstanden und körperlich einfach nur kaputt. Nach 1,5 Jahren habe ich den zweiten Versuch gestartet, mir Hilfe zu holen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich alles auf meinen Mann geschoben. Er war schuld. Das war einfacher als der Gedanke, eine schlechte Mutter zu sein. Der Psychologe, mit dem ich sprach, wollte mich ins Frauenhaus schicken. Vermutlich, weil mein Mann einen türkischen Namen hat. Würde mein Mann Thomas Müller heißen, wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Wie rassistisch, absurd und verletzend. Wieder ein ‚Experte‘, der nicht erkannte, was wirklich los war. Auch dieses Gespräch brach ich nach zwei Stunden ab. Erst nach einem weiteren Jahr, mein Sohn war mittlerweile 2,5 Jahre alt, traf ich auf meine jetzige Therapeutin, die mir helfen konnte. Als mein Sohn 4,5 Jahre alt war, konnte ich das erste Mal sagen: Ich fühle mich wieder wie ich selbst. 4,5 Jahre, die mein Kind eine neben sich stehende, depressive, von Ängsten und Schuldgefühlen geplagte Mutter an seiner Seite hatte.“

Mentale Gesundheit statt beschönigte Geburtsvorbereitung

„Rückblickend sehe ich vieles sehr kritisch. Statt ausschließlich Bücher über das Stillen und die Geburt zu lesen, hätte ich mich auch damit beschäftigen sollen, wie sich chronischer Schlafmangel auf Körper und Geist auswirkt. Wie wichtig es für die (mentale) Gesundheit ist, Schlafphasen zu haben, die mindestens 4 bis 6 Stunden am Stück andauern. Ja, es ist normal, dass Babys am Anfang zum Teil alle 2 Stunden oder sogar häufiger aufwachen. Das bedeutet aber nicht, dass man das als Mutter auch (gut) aushalten kann/muss. Ich hätte mir Gedanken darüber machen sollen, was Selbstfürsorge für mich bedeutet. Welche Dinge es sind, die meine Batterien wirklich aufladen. Schon im Vorfeld kann man Ressourcen organisieren und sich ‚Coping-Mechanismen‘ aneignen, um schwierige Phasen zu überstehen. Coping-Mechanismen sind ‚Werkzeuge‘, mit denen man aus den eigenen Problemen gut wieder rauskommt. Ein Telefonat mit einer Freundin, Sport, Yoga, eine Therapie, Meditation, zwei Stunden Serie gucken – das kann für jede/n etwas anderes sein. Die Symptome einer postpartalen psychischen Störung sind nicht immer eindeutig. Doch wenn man sich schon im Vorfeld damit beschäftigt und aufmerksam beobachtet, kann man frühzeitig erkennen, dass man Hilfe braucht. Es ist sicherlich nicht immer leicht, den Unterschied zwischen dem Babyblues und einer postpartalen Depression in schwacher Form zu erkennen. Für mich ist es die Frage, inwiefern die Emotionen wirklich das gesamte Leben beeinträchtigen. Wut, Angst, Traurigkeit, Zorn, Panik, gewisse ‚Zwänge‘ – sind diese Krisen so einschneidend, dass sie im Alltag ständig präsent sind und eine echte Belastung darstellen? Oder kommen sie zwar vor, aber grundlegend geht es einem gut?

Ich hätte mich in meiner ersten Schwangerschaft zudem damit beschäftigen sollen, wer mir im ersten Jahr wirklich unterstützend zur Seite stehen kann. Es gibt Doulas, es gibt Haushaltshilfen, man kann mit Freunden feste Zeiten verabreden, in denen man entlastet wird. DIESE Themen gehören meiner Meinung nach in einen Geburts-/Postpartum-Vorbereitungskurs. Vielleicht sollte es sogar einen Kurs geben, der sich ausschließlich mit der postpartalen Phase beschäftigt.“

Druck von innen, Druck von außen

„Ich weine heute noch, wenn ich an mich von damals denke. Ich fühlte mich so isoliert, so allein, so unendlich traurig. Meine Gedanken damals: Es war doch ein Wunschkind, ich MUSSTE doch jede Sekunde genießen, MUSSTE doch im Mutterglück aufgehen. Wie konnte ich es wagen, mich darüber zu beschweren, wie schwer alles war und wie kaputt ich mich fühlte. Ich hörte immer wieder innerlich den Satz: Du wolltest es so sehr, also musst du jetzt damit klarkommen. Als ob das Wollen eines Kindes automatisch mit der Gebrauchsanleitung zum Muttersein kommt.

Ich hatte einen völlig falschen Anspruch an mich selbst. Noch heute quält mich das schlechte Gewissen, wenn ich daran denke, wie mein Sohn darunter zu leiden hatte. 4,5 Jahre verzögerte emotional-soziale Entwicklung. Er ist ein Kind, das fürs Leben geprägt ist, weil seine Mutter zutiefst falschen Ansprüchen an Mutterschaft auf den Leim ging und sich selbst und ihrem Gefühl nicht vertrauen konnte. Von so vielen Bekannten, Freunden und Verwandten wurde ich verurteilt. Nicht verstanden. Als Glucke abgetan. Als Mutter, die keine Grenzen setzen kann. Das schmerzt. Noch immer.“

Wie könnte es besser gehen?

„Ich glaube, dass es an vielen Punkten Verbesserungsbedarf gibt. Wie bereits erwähnt finde ich, dass es in Geburtsvorbereitungskursen viel stärker um die postpartale Phase gehen sollte und dabei nicht nur kurz die schweren Psychosen, sondern auch die schwächeren postpartalen psychischen Störungen angesprochen werden. Frauen sollten sensibilisiert werden, damit sie sich frühzeitig vorbereiten und Ressourcen schaffen können.

Es wäre außerdem so wichtig, konkrete(!) und ehrliche Erfahrungsberichte und Beispiele lesen und sehen zu können, wie man sich als Erst-Mama fühlt. Ob mit oder ohne postpartale psychische Probleme.

Zudem sollte die Gesellschaft darüber aufgeklärt werden, wie man sich bei einem Besuch einer frisch gebackenen Familie am besten zu verhalten hat. Bringt Kaffee, Kuchen und Essen mit und bemuttert die frischgebackenen Eltern, statt die zehnte Baby-Rassel mitzubringen. Bläut den Müttern ein, dass sie nicht alles schaffen müssen. Und hört hin, wenn Mütter davon sprechen, dass es ihnen nicht gut geht. Bitte nicht abtun und das Problem runterspielen. Aussagen wie ‚Alles ganz normal, das ist der Babyblues‘ sorgen nur dafür, dass sich die Mutter noch schlechter fühlt. Besser: zuhören, nachfragen, wertfrei bleiben und Hilfe anbieten. Leider machen das sogar Gynäkologen oder Hebammen nur ganz selten.

Nebenbei bemerkt: Diese Probleme betreffen nicht nur Mütter. Alle Personen, die ‚postpartum‘ sind, kann es treffen. Eltern, die eine Fehlgeburt hatten, Adoptiveltern, Väter, nicht gebärende Partner, Großeltern, Leihmütter, LGBTQ+ Eltern, Eltern, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben.

Ich will erreichen, dass viel mehr über postpartale mentale Gesundheit gesprochen wird. Ich wünsche mir, dass es völlig normal ist, dass man als Schwangere und frisch gebackene Mama engmaschig auf mentale Gesundheit untersucht wird. Mehrfach, am besten über zwei Jahre nach der Geburt. Sechs Wochen nach der Geburt findet schließlich auch eine körperliche Nachuntersuchung statt. Wieso gibt es keine ärztlichen Richtlinien, die ein regelmäßiges psychisches Screening vorsehen? Das ist nicht nur für die Mütter wichtig, sondern vor allem für die Kinder. Denn sie sind es, die am Ende den höchsten Preis dafür bezahlen.

Ja, eine klinisch schwere PPD eher selten. Aber andere, ‚leichtere‘ Formen der PPD (postpartale Depression) oder PPA (postpartale Angststörung) oder anderen Anpassungsstörungen kommen sehr viel häufiger vor, als man denkt – und viele davon bleiben unbehandelt. Dabei sind die Krankheitsbilder sehr gut behandelbar.

Diese ‚Störungen‘ fliegen unter dem Radar auf Kosten der Frauen, der Kinder und der Familien durch. Letzen Endes auch auf die Kosten der Gesellschaft.“

Beim 2. Kind war alles anders

Hannah hat aus ihren Erfahrungen gelernt. Inzwischen ist sie zum zweiten Mal Mama geworden, ihr Baby ist nun vier Monate alt – und es läuft alles anders. Ihr geht es gut, sie hat sich sehr gut auf die neue Phase vorbereitet. Ein tolles Signal: Ja, es geht. Selbst wenn man psychisch vorbelastet ist, muss eine Geburt nicht bedeuten, dass man als Mutter in eine tiefe Krise gerät. Wer sensibel auf die eigenen Bedürfnisse hört, wer sich vorbereitet und auch das Umfeld von Anfang an mit einbezieht, kann es gesund und glücklich durch diese intensive Zeit schaffen.

 

Wenn ihr euch in Hannahs Geschichte wiederfindet, holt euch Hilfe. Wenn der Austausch mit Freunden und Familie nicht reicht, bezieht Experten mit ein. Es gibt zahlreiche Beratungsstellen, Psychologen, Therapeuten und Zentren. Sucht bitte so lange, bis ihr euch gut aufgehoben fühlt.

 

Weitere Infos, Broschüren, Erfahrungsberichte und Selbsttests gibt es beispielsweise bei der Initiative Schatten & Licht e.V..

 

Hannah hat mir zudem einige Insta-Accounts empfohlen, die ihr durch diese Zeit geholfen haben (alle Accounts sind englischsprachig). Denn: „Es tut so gut, zu wissen, dass man nicht alleine ist.“

@psychedmommy

@postpartumstress

@womensmentalhealthdoc

@betterpostpartum

@motherhoodunderstood

 

Hannah Gören (40) lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern (6 Jahre und 4 Monate) in Frankfurt am Main. Sie hat Ernährungswissenschaften studiert und arbeitet in Darmstadt für ein Biotechunternehmen als Study- & Validationmanagerin.

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