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Wer bin ich, wenn ich Mutter bin?

Bevor ich ein Kind hatte, dachte ich immer, dass der Schlafmangel das Anstrengendste wird. Und das Geschrei. Aber das wird schon klappen, denkt man sich dann. Wir werden es besser machen, cool bleiben, wir selbst bleiben, wir sind doch das beste Paar der Welt.

Dann, nach ein paar Monaten mit dem neuen Familienmitglied, wird klar, dass es doch nicht so einfach ist. Und das liegt auch, aber nicht nur am Schlafmangel. Es ist vor allem die Herausforderung, sich in jeder Hinsicht neu zu definieren: als Paar, als Mutter und Vater, als eigenständige Persönlichkeit. Die Prioritäten müssen neu geordnet, das Selbstbild korrigiert werden.

Kein Projekt, sondern ein neues Leben

Bisher gab es im Leben ständig neue Abschnitte. Schule, Studium, der erste Job, neue Wohnung, neuer Freund. Eines hatten all diese Lebensabschnitte gemeinsam: Sie gingen vorbei. Man wusste, dass man in dieser Wohnung nicht für immer leben würde. Dass das Studium vorbei gehen wird und der erste Job nicht für die Ewigkeit ist. Man konnte selbst entscheiden, wie das Leben aussehen sollte. Jobs kann man kündigen, Beziehungen beenden, Wohnungen wechseln.

Mit einem Kind ist das anders. Plötzlich ist alles verdammt endgültig. Dieses Menschlein wird nun für immer das Kind sein. Man muss sich kümmern. Man hat eine Verantwortung übernommen, die man nicht einfach kündigen kann, wenn es sich gerade nicht so gut anfühlt. Man muss da durch. Egal, was kommt.

Klar, das Mama-Mantra sagt: Es ist nur eine Phase. Aber jede Mama weiß: Auf die eine Phase folgt die nächste. Jedes Alter hat Vor- und Nachteile. Aber es wird nie easy peasy alles von selbst laufen. Man muss sich kümmern. Man muss da durch. Immer.

Klar, irgendwann sind die Kids groß und aus dem Haus, stehen auf eigenen Beinen. Doch 1. ist auch dieser erwachsene Mensch noch das eigene Kind, um das man sich Sorgen macht, das man vielleicht finanziell, ganz sicher aber emotional immer wieder unterstützen muss, und 2. sind so knappe 20 Jahre eine ziemlich lange Zeit.

Was ist mit mir? Und mit uns?

Gerade das erste Babyjahr ist emotional fordernd. Was für eine Mutter möchte ich sein? Bin ich zufrieden mit meiner Situation? Was brauche ich, um glücklich zu sein? Wie läuft unsere Beziehung? Wie retten wir unsere Liebe langfristig durch den Familienalltag? Das Blöde dabei: Eigentlich hat man im Alltag nie Zeit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Auch ich habe noch nicht allzu viele Antworten darauf.

Ich weiß nur eines: Ausgleich ist wichtig. Für mich bedeutet das unter anderem, ab und zu mal in der Stadt in einem Café statt auf dem Land im Homeoffice zu sitzen. Regelmäßig meine Freundinnen zu treffen – ohne Baby. Und ich habe mir fest vorgenommen, mir für zwei Nächte ein schickes Hotel an die Nordsee zu gönnen, wenn ich abgestillt habe. Kraft tanken. Schlafen. Nur ich sein. Nach diesem Einfach-Mal-Raus-Gefühl ist es jedes Mal schön, nach Hause zu kommen und von meinem Kind angestrahlt zu werden. Wer sich selbst nicht verliert, hält viel mehr aus.

Das gilt auch für die Beziehung. Abends essen gehen? Ins Kino? Gemeinsam am Wochenende in die Sauna? Abends in einer Bar ein paar Gläser Wein trinken? Spontan in den Urlaub? Geht alles nicht, beziehungsweise nur mit organisatorischem Aufwand. Dazu die Nächte, oh, diese Nächte. Die Zündschnur wird kurz, wenn man kaum schläft. Statt sich anzuzicken hilft nur, alles mit Humor zu nehmen, über alles immer und immer wieder zu reden und auch hier einen Ausgleich zu schaffen. Ab und zu allein raus. Nur Paar sein. Wie früher. Und es dann kaum erwarten können, das gemeinsame Kind wieder in die Arme zu schließen und Familie zu sein.

Atmen nicht vergessen

Ich habe irgendwo gelesen, dass es noch nie so einfach war, eine schlechte Mutter zu sein. Es ist nämlich egal, was man tut, irgendwer findet es immer falsch. Wann kommt das Kind in die Kita, wann wird es abgestillt? Familienbett, Beistellbett oder eigenes Zimmer? Fast jede Mutter kennt das Gefühl, mit ihren Entscheidungen falsch zu liegen und alles mit einem schlechten Gewissen zu tun. Doch mehr als gut gemeinte Ratschläge und das eigene Bauchgefühl gibt es nicht. Die meisten von uns geben jeden Tag ihr Bestes. Und wenn eine Mama das Gefühl hat, nach ein paar Monaten ihre Brust, ihr Schlafzimmer oder ihren Job zurück zu wollen, ist das völlig okay. In dem wunderbaren Podcast „Hotel Matze“ hat Nora Tschirner den Vergleich zum Sicherheitshinweis im Flugzeug gezogen: Wenn dort die Atemmasken von der Decke fallen, soll man diese zuerst sich selbst aufsetzen – erst dann anderen helfen. So ist es auch im Leben. Bevor man nicht mehr frei atmen kann und bei all dem Kümmern irgendwann umkippt, sollte man sich erst einmal um sich selbst kümmern. Durchatmen, Luft holen, weitermachen.

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